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Mankell: Der Chinese (2008) | Rezension

"Achtzehn Namen, drei Familien. Andersson, Andrén und Magnusson."

In einem kleinen schwedischen Dorf werden achtzehn Leichen gefunden. Man schreibt das Jahr 2006 und ist zunächst ratlos, warum bis auf drei Personen die gesamte Einwohnerschaft der winzigen Siedlung getötet wurden - scheinbar grundlos.

Während die Polizei im Dunkeln tappt, tritt die Protagonistin aus dem Schatten: Amtsrichterin Birgitta Roslin ermittelt - nicht berufsbedingt, sondern in eigener Sache. Wie sie herausfindet, sind unter den Opfern des Massenmords die Pflegeeltern ihrer Mutter. Ihr Einstieg in die Familiengeschichte entführt Henning Mankells Leserschaft in den "Wilden Westen" zum Bau einer Eisenbahnlinie. Eine Geschichte um Rassismus, Sadismus, Rache und endlosen Hass beginnt dort, wo im 19. Jahrhundert Immigranten aus aller Welt aufeinandertreffen.

Henning Mankell gelingt dabei, woran schon so manch großer Western-Autor gescheitert ist: Eine zeitgemäße Retrospektive auf die Ereignisse. Ungeschönt schildert er aus der Perspektive des schwedischen Vorarbeiters die Schwierigkeiten, die "faulen Chinesen", sowie die eigentlich noch problematischeren Afroamerikaner und Iren im Zaum zu halten. Kommentiert und in ihrer Bedeutung eingeordnet werden die Tagebucheinträge des Vorarbeiters von Birgitta Roslin.

Besonders die chinesischen Arbeiter gewinnen im Verlauf der Handlung an Bedeutung. Spiegelbildlich zu den Tagebüchern des Schweden erzählt Mankell die Memoiren eines chinesischen Bauernjungen, der mit seinen Brüdern nach Amerika verschleppt wird, um dort am Bau der Eisenbahn mitzuwirken. Die grausamen Erlebnisse des jungen Wang San laden zur Empathie ein, die der Rezipientenschaft den Hass Sans auf den sadistischen schwedischen Aufseher begreiflich macht.

Die Auflösung der Wirren um Vergangenheit und Gegenwart führt Birgitta Roslin schließlich persönlich nach China. Spätestens hier wird die verquere Symmetrie der beiden Handlungen sichtbar. China wird von Mankell dem "Westen" als Spiegel vorgehalten. Dabei bezieht sich der Autor immer wieder auf Ereignisse der chinesischen Geschichte, zeichnet dabei gleichzeitig jedoch ein Bild des modernen China, das ohne weiteres glaubwürdig ist. Vielleicht nicht vorurteils-, zumindest aber wertfrei beschreibt Mankell die Schattenseite Chinas und entführt dabei Protagonistin und Leserschaft gleichermaßen in eine Welt voller Geheimnisse.

Der Chinese will nicht politisch sein, aber ist es doch - und ist es gut. Mankell schreibt über historische ethnische Konflikte und deren Folgen in der Gegenwart. Kollektive und individuelle Traumata und deren Konsequenzen. Vor allem schreibt Mankell jedoch über Rache. Über Rache an Unschuldigen, deren einziges Verbrechen darin besteht, entfernt mit dem Ziel der Rache verwandt zu sein. Mankell beschreibt blinde Wut, die über Generationen nicht verschwindet und bettet diese schließlich in den schwedischen Schnee.

Mit einer beeindruckenden Protagonistin, glaubwürdigen Nebencharakteren und verwobenen Handlungssträngen, hat Henning Mankell einen Schleier gewoben, unter dem sich zunächst die wahre Natur des packenden Kriminalromans verbirgt. Was zunächst nach einem klassischen Detektivroman aussieht, nimmt immer mehr Züge eines Thrillers an und driftet zuweilen in Richtung klassischer Wild-West-Abenteuerromane, ohne dabei je an Spannung oder Glaubwürdigkeit einzubüßen.

Letztendlich kann ich ohne zu Zögern sagen, dass Der Chinese zu den besten Krimis gehört, die mir je untergekommen sind. In der Hörbuchfassung auf Audible leiht auch noch kein geringerer als Axel Milberg der Story seine Stimme. Ein perfektes Hörerlebnis.

Nach diesem Einstieg bin ich gespannt auf weitere Werke von Henning Mankell, der mir zuvor noch unbekannt war. Bis dahin widme ich mich jedoch dem neuesten Band der Bretagne-Krimis!

Als dann. Frohe Weihnachten und kommt gut ins neue Jahr!
JMB

Rückert (Hg.): ZEIT Verbrechen - Echte Kriminalfälle aus Deutschland (2020) | Kommentar

Was lernt die Gesellschaft aus dem Verbrechen? Was reizt uns an den Niederungen menschlichen Handelns? Warum gibt es Blogs wie diesen, Podcasts wie ZEIT Verbrechen, Serien wie den Tatort, Filme wie Joker?
Fragen, die Sabine Rückert in ihrer Sammlung spektakulärer Kriminalfälle zu beantworten sucht. Die stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT, die als Koryphäe der Kriminalreportage gilt, hat in diesem eigenartigen Jahr ein Highlight für Krimifans und Verbrechensenthusiasten geschaffen, das in seinem analytischen Stil Leserinnen und Leser zur Reflektion über die eigenen düsteren Leidenschaften anregt.
Trotz der Tatsache, dass ich als begeisterter Hörer des Podcasts ZEIT Verbrechen bereits jeden der zwölf geschilderten Fälle bereits kannte, habe ich jede der Reportagen von Sabine Rückert mit Spannung gehört.
Ja: Gehört! Denn auf Audible und vergleichbaren Plattformen gibt es den Band als "Hörbuch zum Podcast" - gelesen von diversen schauspielerischen Größen Deutschlands und mit einem nachdenklichen Epilog, den die Autorin selbst vorliest.
Beeindruckend ist die Form, in der Sabine Rückert die Kriminalfälle aufarbeitet, zusammenfasst und mit pointierten Formulierungen Opfer, Täter und Angehörige zum Leben erweckt. Gehört aus dem geschulten Mund gelernter Mimen gelingt es den Worten der Journalistin, Szenen noch detailreicher im Kopf der Hörerschaft erscheinen zu lassen, als es im Podcast oder auch in Artikelform je hätte gelingen können.
Kurzum: Der logische nächste Schritt für Deutschlands ungewöhnlichste "Krimi"-Autorin war dieses Hörbuch.
Mehr als ein Zeitvertreib aus dem ZEIT-Vertrieb (Entschuldigt das Wortspiel!) - vielmehr ein Lehrstück über uns alle und ein journalistischer Einstieg in eine Anthropologie des Verbrechens, der Lust auf mehr macht!

Der KrimiKammer-Podcast ist da!

Die erste Folge - nein, die nullte Folge - der sogenannte Pilot ist da!

Der kann zwar nicht fliegen, gibt euch aber einen kleinen Eindruck davon, was ihr in Zukunft von diesem kleinen Bonus zum KrimiKammer-Blog erwarten dürft. Wenn ihr Vorschläge habt, was ich in diesem Format besprechen könnte - oder selbst einmal als Gast teilnehmen möchtet, könnt ihr mir gerne eine Nachricht im Kontaktformular schreiben.

Lasst mich unbedingt wissen, wie ihr den Podcast findet! Es ist zwar noch keine reguläre Folge geworden, aber zumindest technisch freue ich mich jetzt schon über Feedback!

Viel Spaß (I guess) beim Reinhören!
JMB



DARK (2017) | Serienkritik - spoilerfrei!

"Was wir wissen, ist ein Tropfen - was wir nicht wissen, ein Ozean." - Sir Isaac Newton

Eine Kritik von Dark - wo fängt man an? Wo fängt eigentlich Dark an?
Die Frage nach dem "wo" ist leicht geklärt: In der fiktiven Kleinstadt Winden. Unromantisch, AKW-Standort, prototypisch für ein Kaff, in das keiner will. Hier, wo niemand etwas außergewöhnliches vermuten würde, verschwinden seit Jahrzehnten immer wieder Kinder, hat gefühlt jede Familie ein Geheimnis - und das gleich in mehreren Generationen. Diese Generationen begleitet die Serie durch die sich scheinbar stets wiederholenden Ereignisse im Rhythmus von 33 Jahren.
Ohne zu viel verraten zu wollen: Stammbäume können sehr komplex sein, wie Dark zeigt. 

Die ganze Serie dreht sich um einen "Knoten" - und verursachte gleich mehrere in meinem Gehirn. An dieser Stelle muss ich mich bei meinem ehemaligen Physiklehrer entschuldigen, der mir das Versprechen abnahm, in meinem Leben nie mehr an sein Unterrichtsfach zu denken: Herr Klein, es tut mir Leid, aber das war es wert!* Quantenphysik spielt in dieser Serie eine nicht wegzudenkende Rolle - den Drehbuchautoren gelang jedoch spielend, woran jede meiner Lehrkräfte, so bemüht er oder sie auch war, kläglich gescheitert ist: Es wurde mir nicht langweilig!

Im Gegenteil: Je verzweigter das Gewirr aus Zeit, Beziehungen und Realitäten wurde, desto mehr faszinierte mich Dark, desto weniger konnte ich abschalten - und desto mehr habe ich über Grundprobleme der Physik nachgedacht. Klüger bin ich jetzt, da ich die Serie abgeschlossen habe, wohl nicht - aber gut unterhalten. Drei Staffeln à 8-10 Folgen mit je ca. 50 Minuten Spielzeit versüßen den einen oder anderen Abend! Besonders die aufwändige und gut geplante Produktion hat dafür gesorgt, dass ich nach mehreren (langen) Abenden eher das Gefühl hatte, einen wirklich guten Film gesehen zu haben. Dass die Hauptverantwortlichen Baran bo Odar (Regie) und Jantje Friese (Drehbuch), verheiratet sind, trägt vermutlich auch zu der unglaublich harmonischen Grundverfassung der Serie bei. Nichts wirkt zufällig, alles geplant, alles wohl durchdacht - ganz im Sinne der Handlung.

Besonderes Lob gebührt neben bo Odar und Friese jedoch auch dem Casting-Team, der Maske, sowie den Schauspielerinnen und Schauspielern selbst. Da die meisten Rollen mehrfach in verschiedenem Alter gecastet werden mussten, war es besonders wichtig, auf Wiedererkennungswert und eine ähnliche Attitüde zu achten. Das wiederum ist den Verantwortlichen derart gut gelungen, dass mir beispielsweise bis eben nicht aufgefallen ist, dass eine Rolle von Oliver Masucci und Winfried Glatzeder gespielt wurde.
Die mimische Leistung gerade der jungen Darsteller*innen ist enorm professionell und emotional glaubwürdig - eigentlich ohne Ausnahme. Dieser Umstand ist besonders beeindruckend, wenn man sich vor Augen führt, dass einige Darstellerkinder zum Drehzeitpunkt erst 11, respektive 13 Jahre alt waren - châpeau, Carlotta von Falkenhayn! Als elfjähriges Mädchen die Rolle einer Taubstummen dermaßen realistisch darzustellen, ist eine wirklich besondere Leistung. One to watch!
Bei den Erwachsenen gibt es ebenfalls wenig bis gar nichts zu kritisieren. Hervorzuheben sind meiner Meinung nach vor allem Jördis Triebel und Oliver Masucci, die trotz ihrer weitreichenden TV-Bekanntheit unglaublich stimmig in ihren Rollen wirken. Jede Träne und jeder Wutausbruch wirkt so real, als hätten beide wirklich eben erfahren, dass ihr Kind verschwunden sei.
Die beiden Hauptrollen Jonas und Martha werden von insgesamt acht Darstellerinnen und Darstellern verkörpert, die sich teilweise erschreckend ähnlich sehen - und in ihrer Mimik und Gestik so perfekt auf einander abgestimmt sind, dass sie on screen tatsächlich wie ein und die selbe Person wirken.

Mit diesen Lobhudeleien könnte ich wohl weiter machen, bis ich alle Schauspieler*innen in den Unterhaltungsolymp erhoben hätte - das würde aber wohl den Rahmen sprengen. Wie Ihr aber längst aus der überschwänglichen Art und Weise meiner "Kritik" herausgelesen habt, empfehle ich euch Dark rückhaltlos.

Die Einordnung der hauseigenen Produktion des Streamingdienstes Netflix als "Krimi" - und damit ihre Daseinsberechtigung auf diesem Blog - fiel mir hingegen schwer. Eigentlich handelt es sich bei Dark wohl um eine Mystery-SciFi-Serie, mit Aspekten aus den Genres Drama und Thriller. Letzteres, sowie die polizeilichen Ermittlungen zu den Vermisstenfällen in Winden geben mir jedoch die willkommene Legitimation, eine Kritik zu Dark auf KrimiKammer zu verfassen.

Demnächst kommen auch wieder richtige Krimi-Beiträge - versprochen! Auch erwarte ich bald den ersten Gastbeitrag für diesen Blog. Ihr dürft also gespannt sein!

Bis dahin, viel Spaß, falls ich Euch überzeugt habe, Dark anzusehen - falls nicht, fangt einfach oben wieder an, zu lesen. Der Hinweis passt auch ganz gut zu Dark...

JMB


*Übrigens, danke für die 2 Punkte - die hatte ich nicht verdient. 

Podcast-Empfehlung: Verbrechen der Vergangenheit

In den letzten Jahren hat die Unterhaltungsform Podcast so rasant an Bedeutung gewonnen, wie es angesichts des lange vor sich hin dümpelnden Milieus wohl wenige voraussehen konnten. Ein besonders ansprechender Bereich ist, wie auch in Studien erkennbar wird, das Genre der true crime-Podcasts.
Schon im März habe ich euch meinen Branchen-Liebling empfohlen, der auch nach wie vor auf Platz 1 nicht nur der Beliebtheitsskala deutschsprachiger true crime-Konsumenten, sondern auch meiner persönlichen Präferenz rangiert. "ZEIT Verbrechen" ist und bleibt ein absoluter Hör- und auch Lesegenuss - das Heft im Abo ist nur zu empfehlen.
Einen Haken hat der Podcast aus dem Hamburgischen Verlagshaus jedoch: Er erscheint nur alle zwei Wochen. Wie nutzt der geneigte Krimifreund also die verbleibenden 13 Tage? Mit mehr Verbrechen. Wenn man sich hierbei nicht mit (Hör-)Büchern begnügen will - und auch nicht gewillt ist, sich selbst in die moralischen Abgründe illegaler Aktivitäten zu begeben* - macht sich geradezu zwangsläufig auf die Suche nach vergleichbaren Formaten auditiver Gruselunterhaltung.

Genug der Vorrede. Mit Blick auf den Titel dieses Beitrages stellt sich folgende Frage: Warum empfehle ich euch heute "Verbrechen der Vergangenheit"
Nun, wer mich kennt, weiß um mein Interesse bezüglich historischen Themen. Als geschichtsaffinen und dementsprechend studierten Zeitgenossen** reizen mich logischerweise jene Themen, die sich in der Vergangenheit bewegen - wenn man darüber nachdenkt, ist es auch schwierig, true crime-Podcasts über Themen zu erstellen, die nicht in der Vergangenheit angesiedelt sind...
Der GEO-Gruppe ist es mit "Verbrechen der Vergangenheit" gelungen, Kriminalgeschichten mit historischer Einordnung unabhängig von Epoche und Geografie zu präsentieren. Wie auch in den Heften von GEO-Epoche, von denen ich auch gut ein halbes Dutzend im Regal stehen habe, konzentriert sich dabei eine Folge immer auf ein Spezialgebiet - beziehungsweise einen Fall, der in einem der beliebten Hefte bereits erschienen ist. Mit einer kurzen wissenschaftsjournalistischer Einordnung durch den*die Autor*in und Moderatorin und Redaktionsleiterin Insa Bethke wird das Thema der jeweiligen Episode zunächst umrissen, bevor eine knapp 40 Minuten lange Lesung des betreffenden Artikels anschließt. Diese übernimmt der Flensburger Schauspieler Peter Kaempfe, dessen sonore Stimme die Rezipienten in die Vergangenheit geleitet. So führt "Verbrechen der Vergangenheit seine Hörer*innen in das London des frühen 19. Jahrhunderts, nach Corleone auf Sizilien, nach Kolumbien zu Pablo Escobar - aber auch in die Ötztaler Alpen, um sich mit dem Mord an "Ötzi" auseinanderzusetzen.
Besonders zu empfehlen ist in meinen Augen die Folge "Engel des Todes: Die Giftmischerin von Paris", wenn ihr euch zunächst ein Bild mittels einer einzelnen Ausgabe machen wollt. Oder ihr geht so vor, wie ich auch: Hört euch einfach alle Folgen der Reihe nach an.
Mich hat "Verbrechen der Vergangenheit" sofort in seinen Bann gezogen. Ein wirklich spannender Podcast - mehr als nur der oben angesprochene Lückenfüller!

Viel Spaß beim Reinhören! Lasst mich wissen, wie euch der Podcast gefallen hat! Ihr könnt mir hier in den Kommentaren, aber auch auf Instagram unter @krimikammer schreiben! Auch auf Twitter bin ich als @jmbonacker vertreten.

Bis zum nächsten Mal! Haltet die Ohren steif - und gefüllt mit guten Podcasts!
JMB





*Dies ist keine Empfehlung. KrimiKammer distanziert sich von allen Aktivitäten, die sich jenseits geltenden Rechts bewegen.

** Nein, den Wortwitz konnte ich mir nicht verkneifen.

Larsson: Verdammnis (2006) | Kommentar

Rasant, energiegeladen, schlicht und einfach spannend. So könnte man mit drei Attributen den zweiten Teil der Millenium-Trilogie beschreiben. In vielen Buch- oder Filmreihen ist der erste Folgeteil nach einem monumentalen Auftakt ein Durchhänger. Im Fall von Verdammnis gilt dies nicht. Man könnte dies wohl auf die ungewöhnliche Schreibsituation des Autors zurückführen. Da die Millenium-Trilogie erst nach dem plötzlichen und viel zu frühen Ableben Stieg Larssons veröffentlicht wurde, herrschte für den Journalisten im Prozess des Verfassens kein Erwartungsdruck. Ob jedoch nun jeder Krimiautor mit der Veröffentlichung seiner Werke bis zu sein eigenen Tod warten sollte, ist eine Frage, deren Beantwortung ich mir aus moralischen Gründen nicht zutraue. 
Fakt ist: Verdammnis ist fesselnd. Fesselnder als der erste Band? Nein. Genauso fesselnd? Auf jeden Fall. Aber anders: Während Verblendung noch Züge eines klassischen Detektivromans aufweist, gehen diese im Nachfolger fast vollständig verloren – obwohl Protagonist Mikael "Kalle" Blomquist hier erstmals als Privatdetektiv betitelt wird. Eigentlich ist und bleibt er jedoch Wirtschaftsjournalist, was für mich als Angehörigen der selben Berufsgruppe einen großen Teil des Lese- respektive Hörvergnügens ausmacht. Das "Heimspiel", das die Ansiedlung im Mediengeschäft bedeutet, ist jedoch nicht der Grund, warum ich euch auch den zweiten Teil der Millenium-Trilogie unbedingt ans Herz lege. Vielmehr ist es der Stil von Stieg Larsson, der, wäre sein Schicksal gnädiger mit ihm gewesen, eine ganze Generation von Krimiautoren gleichermaßen gelehrt und in den Schatten gestellt hätte. Stieg Larsson legte ein Verständnis des kriminalliterarischen Genres an den Tag, das ich in dieser Form noch bei keinem anderen Vertreter seiner Zunft beobachten konnte. Dabei arbeitet er souverän mit red herrings, verführt also sein Publikum zu Fehlannahmen, spielt aber auch mit den Gefühlen seiner Leser für die Protagonistin. Man zweifelt zwischenzeitlich unweigerlich an der Integrität von Lisbeth Salander. Ob zu Recht oder nicht, werde ich hier – wie auch den Rest der Story – nicht spoilern. Nur soviel: Plottwists à la Jeffery Deaver sind durchaus inbegriffen, aber nicht wie bei genanntem der Hauptbestandteil des Spannungsbogens. 
Verdammnis lebt von einer konstanten Zukunfts- und Gegenwartsspannung, unternimmt aber auch Ausflüge in die Vergangenheit der Protagonisten. So ist ein guter Krimi aufgebaut. 
Lest Millenium. Oder hört es. Eine ungekürzte Lesung des von mir geradezu vergötterten Dietmar Wunder findet ihr auf Audible*.
Ich widme mich nun Vergebung. 
Bis bald!
JM


*@audible: Wann sponsort ihr mich endlich?!

Larsson: Verblendung (2005) | Kommentar

Selten hat mich der zwanzig Jahre zurückliegende Tod eines mir unbekannten Menschen so sehr bekümmert, wie das verfrühte Ableben von Stieg Larsson, nachdem ich die ersten Kapitel von Verblendung gehört hatte.
Kurz gesagt: Larssons Thriller macht süchtig. Süchtig nach mehr spannenden, schwedischen Thrillern, die Wirtschaftskriminalität und nicht kapitalbezogene Kapitalverbrechen derart gekonnt vereinen, dass ich mich nicht entscheiden könnte, was mich an ihnen mehr reizt.
Die viel gerühmte Kriminalgeschichte rund um den Wirtschaftsjournalisten Mikael Blomquist hatte ich natürlich schon länger auf meiner Bucketlist - nicht zuletzt aus Familienkreisen hatte ich gehört, wie fantastisch Stieg Larssons Millennium-Trilogie sein soll. Als mir vor einigen Wochen dann der Lese- respektive Hörstoff ausging, entschied ich mich, den Schweden endlich selbst unter die Lupe zu nehmen.
Der stilistisch geradezu klassisch angelegte Detektivroman ermangelt eigentlich dem klassischsten Merkmal seines Genres: Eines richtigen Detektivs. Stattdessen einen Journalisten zum Ermittler zu erheben, ist ein genialer Schachzug Larssons, der den Beruf aus eigener Erfahrung natürlich wie seine Westentasche kannte. Durch die präzise dargelegten Abläufe innerhalb der Redaktion des Wirtschaftsmagazins Millennium kommt eine Aufbruchsstimmung innerhalb des Romans auf, die den Spannungsbogen über die knapp 14 Stunden des Hörbuchs aufrecht erhält. Für mich persönlich stellt der Thriller dadurch natürlich ebenfalls ein Heimspiel dar (besonders, weil Larsson sich einen Vergleich zwischen Wirtschafts- und Gerichtsreportern nicht verkneifen konnte, den ich sehr genossen habe).
Die Handlung von Verblendung fährt mehrgleisig: Einerseits beschäftigt sich die Rahmenhandlung mit der Rettung des Magazins vor dem Ruin, den die sogenannte "Wennerström-Affäre" zu verursachen droht. Protagonist Blomquist hat einen vermeintlichen journalistischen Faux-Pas von kapitalen Ausmaßen begangen, der die Existenzbedrohung seines Blatts als perfekte Zukunftsspannung für den Roman in Aussicht stellt. Die vermeintliche Binnenhandlung hingegen ist eben jener klassische Detektivroman, über den ich mich besonders freue. Nicht nur die immer wieder subtil eingeflochtenen Anspielungen auf Dorothy Sayers und Agatha Christie machen die Verwandtschaft mit den Werken der Grandes Dames der Kriminalliteratur deutlich: Das Verbrechen, zu dessen Aufklärung Blomquist herangezogen wird, spielte sich in der Vergangenheit und auf einer abgeriegelten Insel ab. Klassischer wird ein Detektivroman nicht.
Dass sich neben Blomquist noch eine zweite faszinierende Protagonistin in diesem monumentalen Thriller findet, sorgt für die nötige Modernität in Aufbau und Struktur, die Verblendung zu einem Meisterwerk des 21. Jahrhunderts werden lässt. Dass sich zwischen den beiden doch sehr unterschiedlich alten Hauptcharakteren eine Romanze anbahnt, stört mich in diesem Roman ausnahmsweise ebenfalls nicht. Grund dafür ist die reflektierte Einordnung des Sexlebens der Figuren in einem soziologisch unterfütterten, feministisch durchdachten Makrokonstrukt, das sich im schwedischen Originaltitel Män som hatar kvinnor ("Männer, die Frauen hassen") widerspiegelt.
Stieg Larsson hat nicht einfach nur den Anfang einer Krimireihe hinterlassen, sondern Teile seines progressiven Weltbildes, das heute aktueller denn je scheint.
Wer Verblendung noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt schnellstmöglich tun. Ich bereue im Nachhinein, dies so lange aufgeschoben zu haben und werde mich umgehend (und ich meine umgehend) dem zweiten Teil der Millennium-Trilogie, Verdammnis widmen. Gelesen ebenfalls von Dietmar Wunder, den ich ja ohnehin verehre wie kaum einen anderen Synchron- und Hörbuchsprecher.
Wenn ich mir Verdammnis zu Gemüte geführt habe, melde ich mich wieder. Also vermutlich nächste Woche. Für Verblendung habe ich nur drei Tage gebraucht. Soviel zur Spannung.
Bis dahin!
JMB

Deaver: Lautloses Duell (2001) | Kritik

"Mach was draus" - Detective Frank Bishop, in: Jeffery Deaver - Lautloses Duell.
Ein Kriminalroman von einem meiner Lieblingsautoren? Immer her damit! Das waren in etwa die Gedanken, die mich zum Kauf des Audible-Hörbuchs von Lautloses Duell motivierten. Hätte ich dabei ein wenig genauer hingeschaut, wäre mir nicht nach einer Stunde langweilig geworden - und ich hätte wohl nicht über einen Monat gebraucht, bis ich dieses Hörbuch abgeschlossen hätte.
Aber wie sagte schon Sigmar Gabriel: "Hätte, hätte Fahrradkette."
Mir ist ein Anfängerfehler unterlaufen. Beim Kauf des Hörbuchs habe ich auf das Veröffentlichkeitsdatum geschaut und dachte, es handle sich um einen neuen Roman von Jeffery Deaver. 2017 - nunja, das wird wohl die englischsprachige Erstveröffentlichung sein. Falsch gedacht! Das Hörbuch erschien 2017. Der Roman selbst 2001.
Das Erscheinungsdatum ist für viele klassische Kriminalromane (im Idealfall) ziemlich irrelevant. Im Idealfall ist ein Krimi universell spannend und verliert seine Relevanz nicht. Wenn sich ein Autor aber eines zum Zeitpunkt der Veröffentlichung neuen, hochbrisanten Themas bedient und sich dieses Thema überdies zu einem der prägenden Lebensinhalte des 21. Jahrhunderts entwickelt, dann ist das Veröffentlichung für die Beurteilung des Werks von zentraler Bedeutung.
Lautloses Duell beschäftigt sich inhaltlich mit dem Durchbruch der Dotcom-Branche. Ein Mordfall im Silicon Valley, der tief im "blauen Nichts" verwurzelt ist, bringt automatisch einen Exkurs in die seinerzeit modernste Informatik mit sich. Nun bin ich bei weitem kein Informatiker und war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gerade einmal fünf Jahre alt. Meine Erinnerungen sind dementsprechend ebenso wie mein Fachwissen begrenzt.
Was ich hingegen guten Gewissens beurteilen kann, ist Spannungsaufbau und Lesevergnügen. Als ich nach mehreren Wochen Pause endlich das Veröffentlichungsdatum entdeckte, widmete ich mich nun also zum zweiten Mal dem Thriller. Bis dato tendierte mein Lesevergnügen gegen Null - vor allem, weil mich Deavers vermeintliche Unkenntnis der digitalen Welt entsetzte: Disketten?! Wer nutzt heute noch Disketten?!
Als ich jedoch erneut, nun mit dem Wissen um die Entstehung des Werkes ausgestattet, in das "blaue Nichts" des Jahres 2001 eintauchte, begann für mich eine faszinierende Zeitreise, die so wohl nie durch den Autor geplant war. Selten hat mich die Jagd nach einem Täter derart fasziniert, selten war der deutsche Titel eines im Original englischsprachigen Romans so gut gewählt.
Die Jagd der Abteilung für Computerkriminalität unter Mithilfe des Häftlings und Hackers Wyatt Gilette nimmt rasch Fahrt auf und wird durch vermeintliche Nebenkriegsschauplätze angenehm unterfüttert.
Wie bei Deaver üblich, finden letztlich alle Handlungsstränge zusammen - und es wird auch nicht an Plottwists gespart. Allerdings muss ich hier nun doch zeitunabhängige Kritik üben: Die Wendungen in Lautloses Duell sind für einen erfahrenen Deaver-Leser doch recht leicht zu durchschauen (insbesondere die allerletzte, auch wenn diese mit dem Fall wenig zu tun hat). Hier möchte ich keine Spoiler verbreiten, aber wer einen Eindruck von Deavers genialem Spannungsaufbau und rasanten Handlungssträngen gewinnen will, sollte vermutlich eher zu einem Lincoln-Rhyme-Thriller oder der Dance-Reihe greifen.
Mich persönlich hat der Roman dennoch gefesselt, weshalb ich ihn Euch, wenn die Corona-bedingte Langeweile zuschlägt, durchaus ans Herz legen möchte. Achtet aber unbedingt auf's Datum.
Und für die angehenden Autoren unter Euch: Erwähnt ab und zu das Jahr, in dem die Geschichte spielt, wenn Ihr neuartige Technik in Eure Romane einflechtet. So vermeidet Ihr schlechte Kritiken eigentlich eingefleischter Fans, die Euer Werk mit ein paar Jahren Abstand lesen. Beispiele dafür finden sich das Lautlose Duell betreffend zu Hauf im Netz.
Nun widme ich mich erst einmal wieder dem Silmarillion, meinem neuesten Hörbuch. Tolkien hat mich erneut fest im Griff. Anschließend werde ich mich endlich einmal an Stieg Larsson versuchen. Meine Gedanken zu der Millenium-Trilogie findet ihr dann hoffentlich in einigen Wochen hier.
Bis dahin macht es gut!
JM 

Freud - Netflix (2020) | Serienkritik

"Táltos wird über Euch kommen"

Sigmund Freud ist sicherlich eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Der Begründer der Psychoanalyse ist noch heute der Grundstein jeden Psychologie-Studiums und wird nur allzu gern auch in der Schule schon als Lektüre herangezogen. Seine prägnanten Formulierungen, eingängigen Metaphern - und nicht zuletzt seine eigene spannende Biographie haben ihn im Ethik-Unterricht meiner Oberstufe zu einem Highlight werden lassen.
Kein Wunder also, dass es nun, da gefühlt jede historische Persönlichkeit Protagonist einer eigenen Netflix-Serie wird, auch einen Fernsehauftritt des Psychiaters gibt.
Freud Netflix.jpgEine österreichisch-deutsch-tschechische Produktion sorgt in diesem Fall für die nötige Authentizität, besorgt aber vor allem das für die Serie prägende Wienerisch. Durch den leicht genuschelten, immer mit einem Hauch Ironie versehenen Regiolekt der österreichischen Hauptstadt entsteht eine leicht satirische Grundstimmung, die in angenehmem Kontrast zu der Genreeinordnung "Krimi/Psychothriller" steht.
Das Jahr 1886 beschert dem Zuschauer einen 30-jährigen Freud (Robert Finster), der sich unter dem Einfluss von Kokain in der Wiener Ärzteschaft einen Namen zu machen. Wegen seiner neuartigen Methode - der Hypnose - gelingt ihm dies eher mäßig. Dass er zudem noch Ressentiments gegen Juden ausgesetzt ist, hilft ihm wenig. Eigentlich durch reinen Zufall gerät der Nervenarzt zudem in die Ermittlungen des Inspektors Alfred Kiss (Georg Friedrich) hinein, die ihn auf eine Reise zur Selbsterkenntnis schicken, die über Leichen geht.
Über Leichen, Traumata, seelische Abgründe und zu einer gewissen Fleur Salomé (Ella Rumpf), einem Medium und zudem Adoptivtochter ungarischer Adeliger, die versuchen sich in Österreich einen Namen zu machen.
Soweit der Haupt-Cast und der Beginn der Story. Wer jetzt noch nicht angefixt ist, wird es jedoch spätestens durch die düsteren Bilder, das kaiserliche Wien und die mitreißende Erzählstruktur. Chronologisch, dennoch finster und verworren kommt diese daher und zieht die Zuschauer in ihren Bann.
Besondere Erwähnung muss auch die überragende Leistung der Schauspieler finden, die zu einem großen Teil aus dem Theater stammen - was man der Serie im Positiven anmerkt. Einige Gesichter kennt man zudem aus zahlreichen Tatort-Produktionen. Dies ist jedoch kein Wunder, wie man bei einem Blick auf die Regie leicht erkennt: Verantwortlich für die Serie zeichnet ein gewisser Marvin Kren, der bislang vier Tatort-Episoden drehte.
Bezüglich Freud kann ich guten Gewissens sagen, dass es sich um ein Meisterwerk handelt. Die Serie reiht sich ohneweiteres neben illustren internationalen Giganten wie Sherlock oder Life on Mars unter meinen Lieblingskrimiserien ein.
Absolute Empfehlung!
Grüße aus dem Home-Office
JM.
"Táltos befiehlt dir zu schlafen." 

Podcast-Empfehlung: "ZEIT Verbrechen"

Liebe Freunde des gepflegten Mordens!
Da an meiner Uni, sowie in meinem Umfeld durch Corona in diesen Tagen alles ausfällt, was nicht bei drei schon abgesagt wurde, benötigt unsereins besonders dringend gute Unterhaltung. Ja, ich weiß, das ist eigentlich der Slogan von Audible - heute möchte ich euch allerdings kein Hörbuch ans Herz legen.
Stattdessen empfehle ich euch einen Podcast, auf den mich wiederum einer meiner besten Freunde zur Bekämpfung meiner chronischen Langeweile auf Busfahrten etc. aufmerksam machte. Ich danke, lieber Johannes! Seitdem ich den Podcast ZEIT Verbrechen kenne, höre ich täglich etwa zwei Folgen. Bei einer durchschnittlichen Länge von etwa 40 Minuten könnt ihr euch denken, wie gut mir diese regelmäßigen Exkurse in die Welt des true crime zusagen!
Für mich persönlich ist auf Grund meiner Tätigkeit als Gerichtsreporter vieles, was in diesem Podcast beschrieben wird, weniger neu als für die meisten anderen Hörer. Aber auch ich habe Fälle, wie sie von Sabine Rückert geschildert werden, so noch nicht erlebt. Sabine Rückert ist die stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT und Herausgeberin des Magazins ZEIT Verbrechen, welches seit 2018 erscheint. Zusätzlich zu den Podcasts gibt es das Magazin auch in gedruckter Form - als Heft und als Buch - zu lesen. Unterstützt wird Sabine Rückert, selbst jahrelang Gerichtsreporterin der ZEIT und in dieser Funktion bundesweit eine Koryphäe, von Andreas Sentker, dem Leiter des Wissensressorts der ZEIT. Das Zusammenspiel der beiden Journalisten harmoniert perfekt: Mit spitzzüngigen Fragen schafft es Sentker, Sabine Rückerts Erzählungen ihrer Fälle noch pointierter zu gestalten. Dabei fehlt es auch nicht an gelegentlichem, wohl gewähltem schwarzen Humor. Seit einigen Folgen stellen auch immer wieder Gäste ihre Fälle vor - auch bei ihnen handelt es sich um Kriminal- und Gerichtsreporter. Besonders die Folge "Massenmörder und Held", die sich um den Fall des Kriegsverbrechers Radovan Karadžić dreht, hat es mir angetan.
Seit ein paar Tagen wartet nun schon die neueste Episode, "Ein sogenannter Ehrenmord" auf mich. Diese will ich nun nicht länger hinhalten und mich ihr in vollem Umfang widmen. Verzeiht mir daher, dass ich euch nun mit dem Podcast alleine lasse. Ich wünsche euch viel Spaß! Wenn ihr mir eurerseits noch Podcasts, Hörbücher, Bücher, Magazine, wissenschaftliche Arbeiten, etc. empfehlen wollt, bin ich dafür stets zu haben! Nutzt einfach die Kommentarfunktion unter diesem Beitrag - oder schreibt mir eine E-Mail über die Kontakt-Funktion in der linken Spalte!
Ich verbleibe mit kriminalistischen Grüßen!
Melchior

Galbraith: Die Ernte des Bösen (2015) | Kritik

"Don't fear the plottwist" - Blue Öyster Cult (oder so ähnlich)
Cormoran Strike, gefeierter Privatdetektiv, und seine Assistentin - oder Partnerin? - Robin Ellacott bekommen ein abgetrenntes Frauenbein zugeschickt. Soweit, so vielversprechend.
Bildergebnis für die ernte des bösenWas nun folgt, ist allerdings weitgehend eine Aneinanderreihung von Klischees und unbeholfenen Wendungen.
Während die Ermittlung seitens Strike von Beginn an auf drei Verdächtige beschränkt ist, versucht Joanne K. Rowling in ihrem dritten Kriminalroman einen zweiten Handlungsstrang um die bevorstehende Hochzeit Robins zu etablieren. Dass sie in diesem dann auch mehr "unerwartete" Entwicklungen unterbringt, als im Fall selbst, beweist eindeutig, welche Prioritäten bei diesem Roman gesetzt wurden. Die drei Verdächtigen werden von Strike ganz zu Beginn benannt und bleiben bis zum Ende auch mehr oder weniger unangefochten. Der erste ist ein ehemaliger Boxer, den Strike aus seiner Zeit bei der Army kennt - ebenso wie den Kandidaten Nummer zwei, einen Kinderschänder. Beide hat Strike zuvor überführt - beide für Verbrechen an Frauen und Kindern. Der dritte Kandidat ist der ehemalige Stiefvater Strikes, der mutmaßlich seine Mutter vergiftet haben könnte - so vermutet der Detektiv zumindest selbst. Die doch sehr begrenzte Auswahl begründet Strike über die Vergangenheit der Männer, sowie im Fall seines Stiefvaters über das dem Frauenbein beiliegende Zitat von Blue Öyster Cult. Zu der Band hat Strike zwar eine lose Bindung, der einzige Verdächtige, über den man das ebenfalls sagen könnte, ist jedoch der Stiefvater. Logischerweise hätte man die recht willkürliche Auswahl also auch auf einen Verdächtigen herunterkürzen können.
Dabei wäre jedoch - und das scheint zunächst der einzige Grund dafür zu sein - der komplette Handlungsstrang verloren gegangen, in dem Robin quasi im Alleingang den pädophilen Ex-Soldaten verfolgt und dabei ihre eigene Vergangenheit aufarbeitet. Großes emotionales Kino mit mehr oder weniger glaubhaften Hintergründen.
Robins Vergangenheit wird zum Aushängeschild eines feministischen Krieges gegen die gewalttätigen Männer, der allerdings leider derart "holzhammerhaft" daher kommt, dass jeder eigentlich angebrachte und berechtigte Gedanke Rowlings ins Lächerliche gezogen wird. Der ohnehin unsympathisch angelegte Verlobte Robins, Matthew, stellt sich im Laufe der Handlung als Lügner heraus, der sie in ihrer emotional schwersten Phase betrogen hat. Doch: Nachdem sie sich mit viel Herzschmerz und Drama von ihm getrennt hatte, lässt Rowling Robin schließlich wieder zu ihm zurückkehren. Ein Schelm, wer hier argwöhnt, die bevorstehende Hochzeit könnte einfach einen guten Abschluss für den Roman dargestellt haben.
Den abschließenden "Plottwist" spoilere ich Euch mal nicht, auch wenn die meisten von Euch ihn wohl ebenso wie ich bereits vorhersehen können. Nur soviel: Die Verbindung zu Blue Öyster Cult bleibt ebenso rätselhaft, wie sie es schon zu Beginn war.
Mich hat dieser Roman auf nahezu jeder Ebene enttäuscht. Vor allem, da ich als glühender Potterhead eigentlich besseres von JKR gewohnt bin. Selbst Dietmar Wunder, den ich als Sprecher ja bekanntermaßen sehr schätze, konnte hier wenig retten.
Schweren Herzens muss ich euch davon abraten, diesen vielversprechenden und wenighaltenden Krimi zu lesen.
Auf dass es beim nächsten Mal besser werde!
Melchior

Bannalec: Bretonisches Vermächtnis (2019) | Kommentar

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Es ist Meckern auf hohem Niveau, aber es ist Meckern. Für mich war Bretonisches Vermächtnis bisher der eindeutig schwächste Bannalec.
Dabei begann alles so vielversprechend: Ein reicher Arzt, aus seinem eigenen Fenster gestoßen – in den Hinterhof des Amiral, des Lieblingsrestaurants von Commissaire George Dupin, dem längst Kult gewordenen Ermittler in Jörg Bongs Bretagne-Krimis. Bereits hier wird eine Parallele zu einem anderen Roman angesprochen. Zu einem Klassiker der Kriminalliteratur, den ich selbst als Jugendlicher gelesen habe: George Simenons Maigret und der Gelbe Hund. Meine Lektüre dieses ebenfalls in Concarneau spielenden Krimis liegt leider schon so viele Jahre zurück, dass mir die Handlung nicht mehr präsent ist. Das ist jedoch für das Verständnis von Bretonisches Vermächtnis überhaupt kein Problem – Bannalec (Bong) erzählt Simenon mehrfach nach, lehnt seinen Plot an den des französischen Vorbilds an und nimmt derart häufig Bezug, dass man sich gegen Ende leider fragen muss, warum er überhaupt einen eigenen Fall konzipieren musste – er hätte den Gelben Hund einfach neu auflegen können. 
Diese verheerende Schwäche gepaart mit der diesmal weniger ansprechenden Schilderung der malerischen Bretagne mit ihrem Lebensgefühl, der Küste und der Küche, sorgt leider dafür, dass Dupins achter Fall weitaus weniger lesenswert war als seine Vorgänger. Dass schließlich auch noch neue Figuren in das eingespielte Protagonistenteam eingewoben werden und hingegen ohne Not auf den pingeligen Präfekten und den streitbaren Inspektor Kadec verzichtet wird, wirkt eher wie der mehr oder weniger verzweifelte Versuch von mangelnder Brisanz in Sachen Handlung abzulenken, als tatsächlich wie eine durchdachte Ergänzung des bekannten und beliebten Schemas der Bretagne-Krimis. 
Vielleicht spielt in Bretonisches Vermächtnis auch die mittlerweile übliche Verfilmung der optisch ansprechenden bretonischen Ermittlungen Dupins eine Rolle. Die Dialoge wirken – wohlgemerkt im Vergleich zu den bisherigen, fantastischen Romanen Bannalecs – nicht mehr so spritzig und sind oft kürzer und somit "verfilmbarer" gehalten. Auch eine, wenn auch weniger schwerwiegende Schwäche dieses Romans.
ABER: Was in diesem Band der Reihe meines Erachtens nicht funktioniert hat, kann im nächsten Teil famose Früchte tragen. Oft genug war der Nachfolger eines vermeintlichen literarischen Tiefpunkts ein grandioses Comeback. Jörg Bong traue ich dies ohne zu zögern zu. Von daher werde ich die Reihe nun auf gar keinen Fall aus den Augen verlieren, sondern vielmehr gespannt auf Teil 9 warten. Möge er wieder besser werden.

Persönlich finde ich es schade, dieses spannende erste Jahr von KrimiKammer so negativ beenden zu müssen. 2019 war für mich als Blogger ebenso ereignisreich wie als Privatperson. Nun freue ich mich auf das kommende Jahrzehnt und mit ihm auf viele kriminalliterarische Genüsse. Hoffentlich schaffe ich es in 2020 auch, einige neue Formate auf diesem Blog zu etablieren. Ich bin gespannt und hoffe, ihr seid es auch!
Bis dahin, gehabt euch wohl und kommt gut ins neue Jahr!
Melchior

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