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Deaver: Lautloses Duell (2001) | Kritik

"Mach was draus" - Detective Frank Bishop, in: Jeffery Deaver - Lautloses Duell.
Ein Kriminalroman von einem meiner Lieblingsautoren? Immer her damit! Das waren in etwa die Gedanken, die mich zum Kauf des Audible-Hörbuchs von Lautloses Duell motivierten. Hätte ich dabei ein wenig genauer hingeschaut, wäre mir nicht nach einer Stunde langweilig geworden - und ich hätte wohl nicht über einen Monat gebraucht, bis ich dieses Hörbuch abgeschlossen hätte.
Aber wie sagte schon Sigmar Gabriel: "Hätte, hätte Fahrradkette."
Mir ist ein Anfängerfehler unterlaufen. Beim Kauf des Hörbuchs habe ich auf das Veröffentlichkeitsdatum geschaut und dachte, es handle sich um einen neuen Roman von Jeffery Deaver. 2017 - nunja, das wird wohl die englischsprachige Erstveröffentlichung sein. Falsch gedacht! Das Hörbuch erschien 2017. Der Roman selbst 2001.
Das Erscheinungsdatum ist für viele klassische Kriminalromane (im Idealfall) ziemlich irrelevant. Im Idealfall ist ein Krimi universell spannend und verliert seine Relevanz nicht. Wenn sich ein Autor aber eines zum Zeitpunkt der Veröffentlichung neuen, hochbrisanten Themas bedient und sich dieses Thema überdies zu einem der prägenden Lebensinhalte des 21. Jahrhunderts entwickelt, dann ist das Veröffentlichung für die Beurteilung des Werks von zentraler Bedeutung.
Lautloses Duell beschäftigt sich inhaltlich mit dem Durchbruch der Dotcom-Branche. Ein Mordfall im Silicon Valley, der tief im "blauen Nichts" verwurzelt ist, bringt automatisch einen Exkurs in die seinerzeit modernste Informatik mit sich. Nun bin ich bei weitem kein Informatiker und war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gerade einmal fünf Jahre alt. Meine Erinnerungen sind dementsprechend ebenso wie mein Fachwissen begrenzt.
Was ich hingegen guten Gewissens beurteilen kann, ist Spannungsaufbau und Lesevergnügen. Als ich nach mehreren Wochen Pause endlich das Veröffentlichungsdatum entdeckte, widmete ich mich nun also zum zweiten Mal dem Thriller. Bis dato tendierte mein Lesevergnügen gegen Null - vor allem, weil mich Deavers vermeintliche Unkenntnis der digitalen Welt entsetzte: Disketten?! Wer nutzt heute noch Disketten?!
Als ich jedoch erneut, nun mit dem Wissen um die Entstehung des Werkes ausgestattet, in das "blaue Nichts" des Jahres 2001 eintauchte, begann für mich eine faszinierende Zeitreise, die so wohl nie durch den Autor geplant war. Selten hat mich die Jagd nach einem Täter derart fasziniert, selten war der deutsche Titel eines im Original englischsprachigen Romans so gut gewählt.
Die Jagd der Abteilung für Computerkriminalität unter Mithilfe des Häftlings und Hackers Wyatt Gilette nimmt rasch Fahrt auf und wird durch vermeintliche Nebenkriegsschauplätze angenehm unterfüttert.
Wie bei Deaver üblich, finden letztlich alle Handlungsstränge zusammen - und es wird auch nicht an Plottwists gespart. Allerdings muss ich hier nun doch zeitunabhängige Kritik üben: Die Wendungen in Lautloses Duell sind für einen erfahrenen Deaver-Leser doch recht leicht zu durchschauen (insbesondere die allerletzte, auch wenn diese mit dem Fall wenig zu tun hat). Hier möchte ich keine Spoiler verbreiten, aber wer einen Eindruck von Deavers genialem Spannungsaufbau und rasanten Handlungssträngen gewinnen will, sollte vermutlich eher zu einem Lincoln-Rhyme-Thriller oder der Dance-Reihe greifen.
Mich persönlich hat der Roman dennoch gefesselt, weshalb ich ihn Euch, wenn die Corona-bedingte Langeweile zuschlägt, durchaus ans Herz legen möchte. Achtet aber unbedingt auf's Datum.
Und für die angehenden Autoren unter Euch: Erwähnt ab und zu das Jahr, in dem die Geschichte spielt, wenn Ihr neuartige Technik in Eure Romane einflechtet. So vermeidet Ihr schlechte Kritiken eigentlich eingefleischter Fans, die Euer Werk mit ein paar Jahren Abstand lesen. Beispiele dafür finden sich das Lautlose Duell betreffend zu Hauf im Netz.
Nun widme ich mich erst einmal wieder dem Silmarillion, meinem neuesten Hörbuch. Tolkien hat mich erneut fest im Griff. Anschließend werde ich mich endlich einmal an Stieg Larsson versuchen. Meine Gedanken zu der Millenium-Trilogie findet ihr dann hoffentlich in einigen Wochen hier.
Bis dahin macht es gut!
JM 

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