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Larsson: Verblendung (2005) | Kommentar

Selten hat mich der zwanzig Jahre zurückliegende Tod eines mir unbekannten Menschen so sehr bekümmert, wie das verfrühte Ableben von Stieg Larsson, nachdem ich die ersten Kapitel von Verblendung gehört hatte.
Kurz gesagt: Larssons Thriller macht süchtig. Süchtig nach mehr spannenden, schwedischen Thrillern, die Wirtschaftskriminalität und nicht kapitalbezogene Kapitalverbrechen derart gekonnt vereinen, dass ich mich nicht entscheiden könnte, was mich an ihnen mehr reizt.
Die viel gerühmte Kriminalgeschichte rund um den Wirtschaftsjournalisten Mikael Blomquist hatte ich natürlich schon länger auf meiner Bucketlist - nicht zuletzt aus Familienkreisen hatte ich gehört, wie fantastisch Stieg Larssons Millennium-Trilogie sein soll. Als mir vor einigen Wochen dann der Lese- respektive Hörstoff ausging, entschied ich mich, den Schweden endlich selbst unter die Lupe zu nehmen.
Der stilistisch geradezu klassisch angelegte Detektivroman ermangelt eigentlich dem klassischsten Merkmal seines Genres: Eines richtigen Detektivs. Stattdessen einen Journalisten zum Ermittler zu erheben, ist ein genialer Schachzug Larssons, der den Beruf aus eigener Erfahrung natürlich wie seine Westentasche kannte. Durch die präzise dargelegten Abläufe innerhalb der Redaktion des Wirtschaftsmagazins Millennium kommt eine Aufbruchsstimmung innerhalb des Romans auf, die den Spannungsbogen über die knapp 14 Stunden des Hörbuchs aufrecht erhält. Für mich persönlich stellt der Thriller dadurch natürlich ebenfalls ein Heimspiel dar (besonders, weil Larsson sich einen Vergleich zwischen Wirtschafts- und Gerichtsreportern nicht verkneifen konnte, den ich sehr genossen habe).
Die Handlung von Verblendung fährt mehrgleisig: Einerseits beschäftigt sich die Rahmenhandlung mit der Rettung des Magazins vor dem Ruin, den die sogenannte "Wennerström-Affäre" zu verursachen droht. Protagonist Blomquist hat einen vermeintlichen journalistischen Faux-Pas von kapitalen Ausmaßen begangen, der die Existenzbedrohung seines Blatts als perfekte Zukunftsspannung für den Roman in Aussicht stellt. Die vermeintliche Binnenhandlung hingegen ist eben jener klassische Detektivroman, über den ich mich besonders freue. Nicht nur die immer wieder subtil eingeflochtenen Anspielungen auf Dorothy Sayers und Agatha Christie machen die Verwandtschaft mit den Werken der Grandes Dames der Kriminalliteratur deutlich: Das Verbrechen, zu dessen Aufklärung Blomquist herangezogen wird, spielte sich in der Vergangenheit und auf einer abgeriegelten Insel ab. Klassischer wird ein Detektivroman nicht.
Dass sich neben Blomquist noch eine zweite faszinierende Protagonistin in diesem monumentalen Thriller findet, sorgt für die nötige Modernität in Aufbau und Struktur, die Verblendung zu einem Meisterwerk des 21. Jahrhunderts werden lässt. Dass sich zwischen den beiden doch sehr unterschiedlich alten Hauptcharakteren eine Romanze anbahnt, stört mich in diesem Roman ausnahmsweise ebenfalls nicht. Grund dafür ist die reflektierte Einordnung des Sexlebens der Figuren in einem soziologisch unterfütterten, feministisch durchdachten Makrokonstrukt, das sich im schwedischen Originaltitel Män som hatar kvinnor ("Männer, die Frauen hassen") widerspiegelt.
Stieg Larsson hat nicht einfach nur den Anfang einer Krimireihe hinterlassen, sondern Teile seines progressiven Weltbildes, das heute aktueller denn je scheint.
Wer Verblendung noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt schnellstmöglich tun. Ich bereue im Nachhinein, dies so lange aufgeschoben zu haben und werde mich umgehend (und ich meine umgehend) dem zweiten Teil der Millennium-Trilogie, Verdammnis widmen. Gelesen ebenfalls von Dietmar Wunder, den ich ja ohnehin verehre wie kaum einen anderen Synchron- und Hörbuchsprecher.
Wenn ich mir Verdammnis zu Gemüte geführt habe, melde ich mich wieder. Also vermutlich nächste Woche. Für Verblendung habe ich nur drei Tage gebraucht. Soviel zur Spannung.
Bis dahin!
JMB

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