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Deaver: Der Todbringer (2019) | Kommentar



Wieder einmal beeindruckende Fachkenntnisse weist Jeffery Deaver in diesem, dem 14. Teil der Lincoln-Rhyme-Reihe auf: Das Fachgebiet der Diamantäre ist Kernthema des Thrillers, der im amerikanischen Original unter dem Titel The Cutting Edge erschienen ist. Als Autor eines James-Bond-Romans liegt das Thema geradezu verblüffend nahe - Diamonds are forever findet sogar einen kleinen Randnotiz-Platz in Deavers neuestem Roman.
Da jedoch der ermittelnde Protagonist James Bond unähnlicher kaum sein könnte, sitzt er doch im Rollstuhl und bevorzugt Glenmorangie Single Malt gegenüber dem Bondschen Martini (ich persönlich bin da ja ganz bei dem Briten, wenn auch gerührt und nicht geschüttelt – Banause, dieser Bond!), verläuft der Thriller nicht nach dem Agentenmuster, sondern vielmehr Holmes-esk deduktiv. Für die Action ist wie immer Rhymes Partnerin und mittlerweile Gattin Amelia Sachs zuständig.
Wo wir gerade von Charakteren sprachen: In Vladimir Rostow findet sich ein so wunderbar unsympathischer Gegenspieler, dass sich die Spannung des Romans schon aus dem schieren Wunsch ergibt, dieser Antagonist möge endlich seiner gerechten Strafe zugeführt werden. Herrlich! Die Hintergründe bleiben dabei zunächst im klassischen Deaver-Stil unergründet, ohne dass es dem geneigten Leser überhaupt auffällt. Man glaubt, den Täter bereits zu genüge zu kennen und vergisst dabei die elementarsten Fragen zu stellen. Der Meister des Red Herring schlägt wieder zu!
So lässt sich Der Todbringer eigentlich auch schön spoilerfrei zusammenfassen. Ich bin sehr angetan – wie immer, wenn ich Deaver lese. Oder höre. Wie in diesem Fall auch wieder auf Audible in der üblichen Dietmar Wunder-Lesung. Fantastisch eingesprochen, die Stimmung des Romans kommt durch den ruhigen Bariton genau richtig rüber. Absolute Empfehlung.
Das war's von meiner Seite für dieses Mal! 
Melchior

Holt: Marter (2014) | Kommentar

"Ein würdiger Nachfolger für Stieg Larssons Millenium-Trilogie." 
Zu dieser Bewertung des Romans durch Il Piccolo würde ich ja etwas sagen - wenn ich denn jemals etwas von Stieg Larsson gelesen hätte. Ausgehend von diesem "würdigen Nachfolger" jedoch, ist mir dies als durchaus ernstzunehmendes literarisches Versäumnis anzukreiden. Jonathan Holt hat es mit Marter geschafft, mich in seinen Bann zu ziehen. Dabei musste ich mich zunächst überwinden, dem Roman überhaupt eine Chance zu geben: Die Übersetzung aus der Feder von Bettina Spangler weist eine Menge Ungereimtheiten und unsaubere Formulierungen auf, die auch ohne das englischsprachige Original zum Vergleich ins Auge stechen.
Überzeugt, den Thriller nicht entnervt beiseite zu legen, hat mich dann jedoch schlicht und ergreifend der Plot. 
Die im winterlichen Venedig spielende Handlung beginnt mit einer Toten im Priestergewand, angespült auf den Stufen einer Kirche. Ein Frevel in den Augen der Kurie - und der Beginn eines stetig an Spannung gewinnenden Thrillers. Bis auf die letzten der 509 Seiten baut sich der Roman stetig weiter auf, zieht den Leser immer mehr in den Bann und entwickelt sich zunehmend zu einem herrlich übertriebenen international relevanten Spionagethriller. Brutal, aber dennoch feinfühlig führt Jonathan Holt den Leser zurück in den (Achtung, nicht spoilerfrei) Jugoslawienkrieg. Politische Brisanz, historische Genauigkeit und eine dennoch fast glaubhafte Handlung. Dan Brown (hier kenne ich nur die Filme - was habe ich nicht alles nachzuholen) hätte es nicht besser machen können.
Allerdings ist Marter bei weitem kein perfekter Roman, auch wenn das Potential hierzu definitv nicht zu leugnen ist. Mich stört beispielsweise der Name einer der Protagonistinnen: Capitano Katerina Tapo. Ja, die Frau ist Italienerin, das hört man - aber muss es gleich ein Zungenbrecher sein? Gut, letztlih ist das Geschmackssache. Ebenso wie die meiner Meinung nach penetrante Nennung der weiblichen Figuren bei ihren Vornamen. Colonello Aldo Piola, der zunächst schrullig sympathisch erscheinende Vorgesetzte von Kat Tapo, tritt als Piola auf und bleibt für den Leser auch Piola. Ob das nun latenter Sexismus oder bloß ein eigenwilliges Stilmittel ist, bleibt unklar. Allerdings findet sich das Thema Sexismus in Behörden durchaus im Roman. Von daher verwerfe ich persönlich meinen Anfangsverdacht gegen Holt.
Ich kann euch nur ans Herz legen, euch selbst ein Bild von der Carnivia-Trilogie zu machen, zu der Marter den Auftakt darstellt. Ich jedenfalls freue mich schon auf mehr venezianische Action. Als nächster Titel steht für mich jedoch mal wieder ein Deaver auf dem Plan. Der Totbringer ist bereits auf Audible heruntergeladen.
Auf bald!
Melchior

Hausarbeit: „Der Hund von Baskerville“ im Deutschunterricht - Didaktische Perspektiven von Sherlock Holmes in der Schule

Wie auf Instagram angekündigt, erscheint nun hier - ungekürzt - meine Hausarbeit zu Sherlock Holmes aus dem vor-vorigen Semester. Ich bitte alle Krimifans zu entschuldigen, dass es sich dabei um ein pädagogisches Thema dreht. Die Lektürewahl qualifiziert den Aufsatz aber meiner Meinung nach für eine Veröffentlichung bei KrimiKammer.
Über Anmerkungen, Kommentare und gerne auch Kritik würde ich mich sehr freuen - unter diesem Post könnt ihr sie ebenso äußern wie auf Instagram und per Mail!
Viel Spaß (?) beim Lesen!
Melchior














Dürrenmatt: Justiz (1985) | Kommentar

"Die Wahrheit wird kein Mensch abnehmen [...] kein Richter, kein Geschworener, nicht einmal Jämmerlin. Sie spielt sich in Etagen ab, die für die Justiz unerreichbar sind." - Stüssi-Leupin.
Ein Junganwalt verzweifelt an seinem Gerechtigkeitssinn und sieht seine Ideale mit jedem Glas aus Verzweiflung getrunkenen Whiskys davon schwimmen. Das obige Zitat - als Kernaussage des Werks vielmals und meistens falsch wiedergegeben - bildet den Ursprung des inneren Konflikts, den Protagonist Felix Spät durchlebt, recht akkurat ab. Sein ehemaliger Mentor und Chef, der Rechtsanwalt Stüssi-Leupin, gibt ihm die Worte mit auf seinen bereits im Taumelschritt des Untergangs befindlichen Weg.
Dabei ist die Ausgangslage des Romans aus der Feder Friedrich Dürrenmatts eigentlich ganz einfach: Ein Professor wird in einem gut gefüllten Café erschossen - es gibt haufenweise Augenzeugen. Der Mörder ist wohl bekannt, identifiziert, wird verurteilt. Durch geschickte Manöver des inhaftierten Täters werden jedoch Zweifel gesät - das Chaos nimmt seinen Lauf. Auf mehr werde ich hier nicht eingehen, da ich euch den Lesespaß und die Spannung nicht verderben will. Beides bietet Dürrenmatt in Justiz en masse. Sein Schreibstil erinnert an Brecht: Humoristisch, wortgewandt, dennoch prägnant und vor allem einnehmend. Die Identifikation mit dem Ich-Erzähler Spät fällt nicht nur leicht, sie wird einem von Dürrenmatt geradezu aufgezwungen. Dadurch, dass die Ordnung des Romans stets den wirren und meist alkoholisierten Gedanken des lyrischen Ichs entsprechend sprunghaft ist - gefüllt mit Pro- und Analepsen, sowie Wechseln in der Narrationszeit -, beginnt auch der Leser den Gang der Ereignisse fundamental in Frage zu stellen.
Gerechtigkeit und Wirklichkeit sind die zentralen Begriffe dieses untypischen Kriminalromans. Der Protagonist beginnt mit der Zeit an beiden zu zweifeln und zu verzweifeln.
Mich persönlich hat Justiz auf einer langen Zugfahrt zum nachdenken angeregt - wofür mir wegen des unwillkürlichen Verlangens weiterzulesen jedoch nicht viel Zeit blieb. In den in den kommenden Wochen vermehrt vorkommenden Stunden im ICE werde ich wohl noch den einen oder anderen Dürrenmattschen Roman verschlingen. Sein Schreibstil fasziniert mich, wie mich der Brechts oder Conan Doyles fasziniert. Er bringt des einen Sprachwitz und des anderen kriminalistischen Verstand zusammen - eine vortreffliche Mischung! Zudem versteht sich Dürrenmatt brillant darauf, vermeintlich Brisantes, woraus heutzutage bisweilen ganze Blockbuster gebastelt werden, in Nebensätzen (oder gar in Klammern) zu berichten. Hingegen schildert er eigentlich belanglose, teils historische Trivialitäten, Familiengeschichten diverser Charaktere, etc. in ausufernder Genauigkeit, ohne dabei an skurrilen Details zu sparen.
Wie ihr dem obigen kurzen Exkurs in die Erzähltheorie bereits entnommen haben werdet, kommt man vor allem als Germanist auf seine Kosten. Als Fan des gepflegten Kriminalromans darf man jedoch Dürrenmatt ebensowenig vergessen. Lasst euch von dem Umstand nicht irreführen, dass Dürrenmatt in der Schule gelesen wird!
Absolute Leseempfehlung insgesamt.
Auf bald!
Melchior

Carter: Der Totschläger (2014) | Kritik/Kommentar

Rasant, mit perfektem Spannungsaufbau - ohne dass dieser je abreißt oder ein zwischenzeitliches Tief hat, bevor er auf den letzten Metern seinen Höhepunkt erreicht. Mit diesem Erfolgsrezept schreibt Chris Carter seine Thriller. Der Totschläger (der Titel hat wie immer nichts mit dem Inhalt zu tun) ist ein perfektes Beispiel für das Cartersche Strickmuster.

Ein Mann ruft den Protagonisten, Detective Robert Hunter vom LAPD, persönlich an und lässt ihn entscheiden, auf welche Weise sein Opfer stirbt. In der Folge entwickelt sich mit höchster Geschwindigkeit eine Jagd nach einem Killer, der keine Skrupel kennt und an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist. Dazu kommt das moderne Setting: die Morde werden live im Internet übertragen. Dabei wartet Carter mit fundiertem Wissen über die Online-Community und die technischen Möglichkeiten im Worldwide Web auf. Dieses gibt er gut verständlich an seine Leser weiter - ohne dass die Handlung darunter leidet. Hunter, dessen Catchphrase "Ich lese viel" ihn zu einem Experten auf jedem beliebigen Gebiet werden lässt, erklärt bei Bedarf seinem nicht ganz so brillanten Partner die Zusammenhänge. Reicht das ausgedehnte Laienwissens Hunters nicht aus, springt in diesem Fall eine Cyberexpertin des FBI in die Bresche. 
Leider kommt dieser neue Charakter im Laufe des Romans etwas zu kurz. Insgesamt fehlt dem fünften Teil der Hunter-Garcia-Reihe ein wenig der Tiefgang. Aber: es sind Thriller. Klassische brutale Thriller. Tiefgang hat in diesem Genre im Idealfall - und so auch bei Chris Carter - vor allem die Mordwaffe.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Totschläger ist ein unterhaltsamer Thriller, gute Literatur für zwischendurch. Perfekt geeignet für den Sommerurlaub, vor allem wenn man erstmal genug von 'hoher Literatur' hat.
So ging es mir zumindest damit. Macht doch einfach Eure eigenen Erfahrungen und kommentiert Eure Meinung zu Der Totschläger gerne unter diesen Beitrag! 
Melchior

Kurzes Update + Podcast-Idee

Moin, werte Hobby-Kriminologen!
Heute erscheint auf KrimiKammer mal keine Rezension, mal kein Kommentar, sondern ein kurzes Update bezüglich der Zukunft des Blogs und der aktuellen Funkstille.
Das Wichtigste vorab: Bis September befinde ich mich in einer Sommerpause - bzw. in einer Umzugs-Pause. In dieser Zeit höre ich zwar weiterhin Krimi-Hörbücher (derzeit einen Chris Carter-Krimi mit dem Titel "Der Totschläger") und lese auch definitiv noch einen Regionalkrimi, ABER es wird wenig bis gar nichts auf KrimiKammer passieren. Das ist dem Umstand geschuldet, dass ich aktuell weit weniger Zeit in die Beschäftigung mit literarischer Kriminologie investieren kann und möchte. Ich hoffe (und ich gehe davon aus), ich stoße da bei Euch auf Verständnis.
Eine ganz andere Geschichte ist dann wiederum eine neue "fixe Idee" von mir: Seit einiger Zeit verfolge ich mit immer größerem Interesse diverse Podcasts. Dabei habe ich auch schon den einen oder anderen spannenden Beitrag über Kriminalliteratur gehört und sehr genossen. Im Zuge dieser auditiven Eskapaden ist mir, der ich nun auch schon seit einiger Zeit mit dem Sprechen in Mikrofone vertraut bin, der Gedanke gekommen, ich könnte doch auch einmal dieses "Podcasten" ausprobieren. Statt wie bisher meine Überlegungen manuell in Worte zu fassen, würde ich sie nunmehr weitgehend ungefiltert in den digitalen Äther posaunen. Dies hätte u.a. den Vorteil, dass ich bei der Themenwahl weniger eingeschränkt wäre. Zudem könnten auch Gäste zu Wort kommen und regelrechte Diskussionen entstehen. Ohnehin möchte ich in naher Zukunft gerne den einen oder anderen Gastauftritt auf diesem Portal ermöglichen - der erste ist sogar schon in Planung.
Ich halte Euch in jedem Falle über diese Idee auf dem Laufenden - auch und vor allem über Twitter.
Wie gesagt kann es bis zu meiner nächsten Wortmeldung hier etwas dauern - bis dahin wünsche ich Euch einen angenehmen Sommer und gute Fälle!
Melchior

Bannalec: Bretonische Geheimnisse (2018) | Kritik

Ohne Nolwenn und seine Citroën-Betriebsanleitung wäre er verloren.
Ein Roman mit dem Tempo eines Formel 1-Rennens. Ein Krimi, bei dem man den Kaffeekonsum des Ermittlers absolut nachfühlen kann. Halsbrecherisch steuert Jörg Bong alias Jean-Luc Bannalec seine Leser durch den Forêt de Broussillon, den sagenumwobenen Artuswald, der in den uralten Legenden wie in Erzählungen des Inspektor Riwal gleichermaßen Schauplatz mannigfaltiger Ereignisse ist - die jedoch nie in einer derartigen Hektik aufeinander folgen wie die Geschehnisse in Bretonische Geheimnisse, dem siebten Fall der Bretagne-Krimis.
Dass Commissaire Dupin neben seiner schwer zu leugnenden Kaffee-Sucht auch eine Vorliebe für die Entschleunigung der Ermittlungen hat, ist in diesem Fall nie wirklich zu spüren: Was als harmloser Betriebsausflug in den Forêt beginnt, entwickelt sich innerhalb weniger Minuten zu einer Sonderermittlung mit mehreren Toten. 
Trotz dessen schafft es Bannalec mal wieder, dem Lesenden Lust auf die Bretagne zu machen. Diesmal ist sie jedoch weniger als sonst kulinarischer oder reiselustiger, sondern vielmehr literarischer Natur: Gerade für Freunde der Artusliteratur baut Jörg Bong, selbst von Haus aus Literaturwissenschaftler und Historiker, diverse Randnotizen in Anlehnung an Merlin, Artus, Morgàne, vor allem aber an den Löwenritter Iwein an - seineszeichens übrigens Pflichtlektüre im Germanistikstudium. Da ist es nur passend, dass die Toten allesamt Artusforscher - heißt Historiker, Literaturwissenschaftler oder Archäologen sind.
Die abgeschlossene Gruppe der Verdächtigen in Kombination mit der simultan zu den Verbrechen stattfindenden Aufklärung lässt den Roman zu einer perfekten Mischung der Untergenres Detektivroman und Thriller werden - zumindest, wenn man den Definitionen Peter Nussers folgen möchte.
Meines Erachtens nach handelt es sich bei Bretonische Geheimnisse um den bisher besten der Dupin-Krimis - leider aber auch um den bisher letzten. Da jedoch seit 2012 in jedem Jahr ein Krimi aus der Feder Bannalecs erschienen ist, ist meine Hoffnung auch in diesem Jahr groß, eine weitere literarische Reise in die Bretagne antreten zu dürfen. Hoffentlich auch dann wieder begleitet durch die warme Stimme Gerd Wamelings, der wie immer zu begeistern wusste.
Absolute Lese- und/oder Hörempfehlung!

Melchior

Trost: Granat für Greetsiel (2014) | Kommentar

Ich liebe Ostfriesland. Das ist weder ein Geheimnis, noch zu ändern. Was ich aber ganz und gar nicht liebe, sind schlecht geschriebene Bücher. Dazu zählen 95% aller Pferderomane, sämtliche Werke Theodor Fontanes¹, sowie, wie ich seit einigen Tagen stark vermute, die "Ostfriesen-Krimis".
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich musste das Hörbuch von Granat für Greetsiel tatsächlich vorläufig abbrechen. Die Gründe hierfür werde ich nun kurz auflisten. Ihr könnt danach selbst beurteilen, ob meine Entscheidung gerechtfertigt war.

Erstens: Der Roman ist aus der Perspektive des Ermittlers verfasst. Zunächst hielt ich diese Variante der kriminalistischen Erzählperspektive für abwechslungsreich und erfrischend. Allerdings genügt ein Kapitel von Granat für Greetsiel in Verbindung mit einer Google-Suche, um festzustellen, dass sich der Autor in der Figur seines Ich-Erzählers und verschrobenen Ermittlers nicht allzu subtil selbst verewigt hat. Ein stilistisches No-Go.

Zweitens möchte ich - das mag persönliche Präferenz sein - nicht alle drei Minuten durch den ermittelnden Mittfünfziger erzählt bekommen, dass eine Frau (übrigens jede Frau) lange Beine oder einen üppigen Busen habe und/oder in sonst irgendeiner Weise "außerordentlich attraktiv" sei. Es ist weder angebracht, noch handlungstragend, sexistische Kommentare über die Vorzimmerdame der Staatsanwältin, die Staatsanwältin persönlich, die persönliche Assistentin eines Firmenchefs - oder gar die eigene Tochter abzugeben. Mögen diese noch so sehr in der "unausgesprochenen" Innenperspektive verbleiben.

Drittens: Wo wir gerade bei der Tochter sind: Diese tritt in einer vollkommen hanebüchenden Nebenstory auf. Jan de Vries (über die Namenswahl des Ermittlers in einem Friesenikrimi brauchen wir nicht zu reden) weiß zunächst nur - und das bleibt dem Leser zunächst ebenfalls verborgen -, dass er eine Tochter hat. Das erste Treffen zwischen seiner 29-Jährigen Nachkömmin und ihm findet statt, als sie sich darüber aufregt, dass er ihren Käfer anfasst. Wohlgemerkt ist sie zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Suche nach ihm. Sie weiß eine Menge über ihn, beschimpft ihn aber dennoch auf das Übelste. Dabei dürfte sie (nach einer Online Recherche) sein Foto gesehen haben. Dass beide einen Käfer fahren, ist nur eine unnötige Randnotiz in der Geschichte einer unendlich unglaubwürdigen Familienzusammenführung. Nach ihrem zweiten Treffen nennt die Tochter den bis dato unbekannten Erzeuger bereits "Paps", schläft in seinem Haus, küsst ihn auf die Wange und löst mit ihm Kriminalfälle. Realismus geht anders. Lesen Sie Fontane, Herr Trost!

Viertens: Eben angesprochen - die Internetrecherche. Offenbar ist Dirk Trost noch nicht häufig mit dem Internet in Berührung gekommen. So dachte ich zumindest apologetisch über ihn, bis ich auf seine sehr professionelle Website stieß. Wie es dann allerdings zu erklären ist, dass das Internet für Jan de Vries eine Quelle unendlicher personenbezogener Informationen ist, auf die eine im Rollstuhl sitzende Ärztin ohne Probleme zugreifen kann, bleibt mir ein Rätsel. Diese Ärztin ist die Tochter des besten Freundes des Ermittlers und nach Angaben de Vries' äußerst versiert im Umgang mit dem "Social Web". Zu ihrem Milieu gehören Facebook, MySpace oder Job-Suchportale wie "LinkedIn oder StudiVZ". Das bleibt jetzt bitte einfach so stehen. Bei ihren Recherchen ist es ihr ein leichtes, den Lebenslauf inklusive sämtlicher Misserfolge einer namentlich nicht bekannten Person zu rekonstruieren und "in einem Word-Dokument zusammenzustellen". Zwar wird die besondere Fähigkeit "Querverbindungen zu sehen, die niemand sonst herstellen kann" durchaus erwähnt, jedoch ist nunmal nicht jeder internetaffine Mensch im Besitz einer professionellen Gesichtserkennungssoftware. Erst Recht nicht, wenn diese für die Recherche eines eigentlich nicht mehr praktizierenden befreundeten Anwaltsgebraucht wird. Regelmäßig. 

Fünftens: Die Glaubwürdigkeit der Handlung und der Personen stellen die Banalität des Falles derart in den Schatten, dass ich mir eher einen Roman über die Entstehung dieses Buches zu Gemüte führen würde. Eine ertrunkene Tote in der Nordsee (die zufälligerweise durch den späteren Ermittler entdeckt wird) ist nach Auffassung der Schwester nicht eines natürlichen Todes gestorben. Nach Ansicht der - klassisch stereotyp-ostfriesisch völlig verblödeten - Polizei allerdings schon. Auftritt Privatdetektiv, bzw. Rechtsanwalt im Ruhestand. Dieser versucht im Interesse der Schwester ("wahnsinnig attraktiv" - siehe zweitens), die Polizei zum Weiterermitteln zu nötigen. Als dies geschafft ist, entzieht die Schwester ihm das Mandat. Er ermittelt weiter. Soweit bin ich bisher - und es reizt mich kaum, das Ende der Geschichte zu erfahren. Im Kontext des bisherigen Realismusfaktors könnte auch ein blauer Elefant der Mörder der Frau sein. Es würde mich nicht mehr wundern.

Sechstens: Grammatikfehler. Unmengen an Grammatikfehlern. Das Wort Kongruenz scheint für den ehemaligen Journalisten Dirk Trost (Freelancer für diverse Zeitungen) nicht nur in Bezug auf seine lateinische Herkunft ein Fremdwort zu sein. Z.B.: "Der Grund (...) sind." (Zitatstelle auf Grund von Hörbuch unbekannt. Häuft sich aber dermaßen, dass es für den geneigten Leser/die geneigte Leserin durchaus zu finden sein wird.)

Siebtens: Wenn selbst Jürgen Holdorf ein Hörbuch nur partiell zu retten vermag, ist es einfach kein gutes Buch. Die raue, warme Stimme Holdorfs des Sprechers kennt man beispielsweise als Jiraiya aus dem Anime Naruto oder als Doc aus dem Adventure-Game Deponia. Holdorf gehört definitiv zu meinen Lieblingssprechern und könnte mir vermutlich alles erzählen. Dass ich nun also ein von ihm gesprochenes Hörbuch ad acta lege, will durchaus etwas heißen.

Diese sieben Gründe sprechen für sich. Ich beende diese Liste an dieser Stelle, auch wenn ich eigentlich noch nicht am Ende wäre. Allerdings denke ich, dass die Spannung für Euch ein wenig verloren geht. Ich erkenne Parallelen.
Eventuell werde ich das Hörbuch auf der in einer Woche anstehenden längeren Busfahrt aus Langeweile beenden. Wenn dem so sein sollte, werde ich selbstverständlich abschließend erneut berichten.
Bis dahin: Lasst Euch Ostfriesland nicht kaputt schreiben!
Melchior


¹Wobei man hier argumentieren könnte, dass sie immerhin wegweisend gewesen seien. Die Frage ist schlicht: Lobt man einen falschherum aufgestellten Wegweiser dafür, dass er wenigstens in eine Richtung zeigt, wenn schon nicht in die richtige?

Deaver: Die Tränend es Teufels (2001) | Kommentar/Kritik

Jeffery Deaver lässt in Interviews gerne erkennen, wie viel er von Hollywood-Filmen im allgemeinen und Verfilmungen seiner Werke im Speziellen hält. Als Fan des Kino-Thrillers und Autor eines eigenen James-Bond-Romans ist der US-Autor daher prädestiniert dazu, Bücher zu schreiben, die später verfilmt werden. So geschehen ist es etwa bereits bei Der Knochenjäger mit Angelina Jolie in der weiblichen Hauptrolle der Amelia Sachs. Nicht unerwähnt soll hier die zu erwartende neue Serie Lincoln bleiben, die sich ebenfalls der Lincoln-Rhyme-Reihe widmet. 
Der 1999 spielende Thriller Die Tränen des Teufels, in dem der Publikumsliebling Rhyme nur einen kleinen Gastauftritt hat, ist bislang nicht verfilmt worden. Dabei wäre die Rolle des Parker Kincaid, der in diesem Roman als Protagonist fungiert, eine Paraderolle für den Schauspieler Brendan Fraser gewesen - mittlerweile wäre er allerdings wohl zu alt. Der Plot rund um eine Anschlagserie in der US-Hauptstadt Washington D.C. am Silvesterabend der Jahrtausendwende wäre ebenfalls absolut filmreif. Actiongeladen, brutal, abwechslungsreich. Ein klassischer Deaver - ein klassischer Thriller. 
Was allerdings gegen eine Verfilmung spricht, sind die besonders häufig eingesetzten Gedankenspiele und Rätsel, die insbesondere bei den Figuren Parker Kincaids und Margaret Lukas' charaktertragend sind. Der "Rätselmeister" Kincaid wartet immer wieder mit inneren Monologen auf und Lukas' Vergangenheit wird derart nebulös beschrieben, dass eine Verfilmung dieser Szenen nahezu unmöglich wäre.
Deaver schafft jedoch das, was Hollywood nicht gelungen wäre: Bei all den vermeintlich geschwindigkeitshemmenden Szenen in der Innensicht der Charaktere behält Die Tränen des Teufels ein halsbrecherisches Tempo bei, das den Roman äußerst unterhaltsam macht.
Für Fans des klassischen Actionfilms ein perfekter Roman. Insbesondere in der Hörbuchfassung mit Dietmar Wunder perfekt für lange Bus- oder Bahnfahrten. Ihr werdet euch nicht langweilen!

Ich entschuldige mich für die lange Pause - bald kommt wieder mehr!
Macht euch eine schöne Woche!
Melchior

Podcast-Empfehlung: Jeffery Deaver bei "The Booktopia Books Podcast"

Guten Morgen! Nach dem Aufstehen stieß ich heute auf Twitterauf dieses interessante Interview mit Jeffery Deaver im Booktopia-Books-Podcast. Ganz unbürokratisch möchte ich euch also diese kleine Hörempfehlung da lassen!
Ich suche derzeit noch immer nach einem neuen Krimi, den ich mir anhören kann - zum "in Ruhe lesen" fehlt mir immer noch die Zeit. Meine Hausarbeit habe ich mit einer sehr guten Bewertung zurück bekommen - eventuell werde ich einen Teil hier hochladen. Lasst mich in den Kommentaren wissen, was ihr hier gerne lesen wollt und ob ich euch öfter anderer Leute Beiträge rund um das Thema Krimi empfehlen soll. Für Krimi-Empfehlungen eurerseits bin ich selbstverständlich ebenfalls sehr dankbar!

Melchior

Carter: Totenkünster (2013) | Kommentar/Kritik

Zwischen Licht und Schatten. So kann man Totenkünstler von Chris Carter eigentlich ganz gut zusammenfassen.
In ihrem vierten literarischen Fall jagen Robert Hunter und Carlos Garcia den brutalen Mörder eines bereits sterbenskranken Staatsanwalts, der - soviel sei vorweggenommen - es nicht bei diesem einen Opfer belässt. Soweit, so typisch. Klassischer Thriller, noch dazu einer der ganz harten Sorte. Bei den Schilderungen von Blutbädern, abgetrennten Gliedmaßen, die - daher der Titel - zu abstrusen Skulpturen verarbeitet werden, kann selbst einem mittlerweile hartgesottenen Thriller-Fan wie mir mulmig werden. Wie immer nimmt Chris Carter kein Blatt vor den Mund, wenn es um explizite Gewaltdarstellungen, emotionale Grausamkeit oder auch harten, selten einvernehmlichen Sex geht.
Und genau hier liegt eine Schwachstelle des Romans: Während andere bekannte Thriller-Autoren Sex nur selten in ihre Romane einfließen lassen und diesen dann allerhöchstens in handlungsdienlichen Andeutungen verstecken, lässt Carter eine Sex-Szene nach der anderen vom Stapel. Dadurch wirkt der Roman teilweise, als stamme er aus der Feder eines 15-Jährigen. Ähnlich stillos verarbeitet Carter eines seiner persönlichen Lieblingsthemen immer wieder: Kein Teil der Hunter-Garcia-Reihe kommt ohne die Erwähnung des Begriffs "Heavy Metal" aus. Versteht mich nicht falsch - ich habe weder etwas gegen Sex, noch gegen Metal. Dass Autoren jedoch so ausdauernd auf ihre Lieblingsthemen zurückgreifen und sich auf diese Weise ein Publikum sichern, das die gleichen Spleens teilt, kann er nicht erwarten, von der Kritik dafür gelobt zu werden.
Von diesen - mittlerweile als typisch geltenden - Schnitzern Chris Carters abgesehen, ist Totenkünstler allerdings ein durchaus ansprechender Krimi. Besondere Brisanz durch die Wahl der Opfer, ein langes "Im Dunkeln Tappen" der Ermittler, das geschickte Einsetzen einiger red herrings - Carter beherrscht sein Handwerk. Die Frage, die ich mir jedoch stelle, lautet: Warum belässt er es nicht dabei? Sowohl der Sex, als auch die Musik sind weitgehend nicht handlungstragend. Führe Carter diese unnötige Unprofessionalität etwas zurück, wäre er ohne Zweifel einer der besten Thriller-Autoren der Gegenwart.
Leider kann man bei Totenkünstler wirklich nur von einem durchschnittlichen Krimi reden. Das Hörbuch ist dennoch sein Geld wert. Wieder einmal leiht Uve Teschner den Figuren seine Stimme und erzählt mit beeindruckender Nüchternheit die brutale, bösartige und äußerst spannende Story.
Hörempfehlung ja, Leseempfehlung nein.

Bis zum nächsten Mal! Lest und hört fleißig!
Melchior

Bannalec: Bretonisches Leuchten (2017) | Analyse/Kritik

Dupin würde nicht viel Zeit haben. Er musste sich beeilen. Vielleicht war es sogar schon zu spät.
- Urlaubsstimmung in Bretonisches Leuchten (exemplarisch).
Commissaire George Dupin macht Ferien - das klingt so banal. Ist es aber nicht. Nicht in den Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec. Der verschrobene Kommissar ist, wie man aus den vorherigen fünf Bänden der Reihe weiß, ein Arbeitstier und daher wenig erfreut, von seiner Assistentin, seiner Freundin und seinem Arzt in einer Art Komplott Zwangsurlaub verordnet zu bekommen, in dem er nicht einmal einen Fall aufklären darf. Doch der sture Wahl-Bretone hält sich, wie uns schon der Untertitel "Kommissar Dupins sechster Fall" verrät, nicht an die Abmachung mit seinen Vertrauten. Der Roman entwickelt sich scheinbar zu einem klassischen Urlaubskrimi, bei dem in einem idyllischen Ferienort plötzlich ein Verbrechen begangen wird und der zufällig anwesende Ermittler in Badeshorts und Hawaiihemd die Verfolgung aufnimmt. Doch der Eindruck täuscht insofern, als sich Dupin von vornherein nicht wirklich im Urlaub befindet. Erholung liegt ihm fern, weshalb er mehr oder weniger aktiv nach Anzeichen für Verbrechen in der nördlichen Bretagne, in die es den Urlaubenden mit seiner Freundin, die im Verlauf dieses Bandes regelmäßig als seine Frau bezeichnet wird, verschlagen hat. Zwischen den rosa Granitblöcken in und um Trégastel spielen sich jedoch unerwartet gleich mehrere Verbrechen ab. Dupin ermittelt heimlich - hängen der Steinwurf auf eine Abgeordnete des Lokalparlaments, das Verschwinden einer Touristin aus seinem Hotel, das Verschwinden einer vermeintlich wertlosen Statue aus einer kleinen Kapelle und der Tod einer jungen Frau in einem nahen Steinbruch womöglich zusammen?
Soviel zum Inhalt. Strukturell handelt es sich bei Bretonisches Leuchten um einen Kriminalroman, der auf den ersten Blick dem Genre des Thrillers zuzuordnen ist. Wer sich jedoch länger damit auseinandersetzt, wird im Nachhinein feststellen, dass diese Einordnung möglicherweise nicht ganz so eindeutig zu treffen ist, wie es zunächst scheint. Zwar ermittelt Dupin simultan zu den Ereignissen an Ort und Stelle mit (wenn auch unter erschwerten Bedingungen), doch - und hier sei von erheblichen Spoilern abgesehen - der sechste Bretagne-Krimi hält einige Überraschungen parat. Dupins Auftreten jedenfalls hat in diesem Fall wesentlich mehr von Hercule Poirot, als unter den üblichen Umständen in Concarneau.
Nun zur Kritik: Jörg Bong, alias Jean-Luc Bannalec, schafft es im sechsten Krimi seiner Dupin-Reihe auf bewundernswerte Weise, den Ortswechsel Dupins zu realisieren, ohne dass dieser unrealistisch oder erzwungen wird. Gerade durch die widerwillige Haltung Dupins weckt Bong Erinnerungen an dessen unfreiwillige Versetzung ins Finistère, das ganz zu Beginn der bretonischen Krimis deren Reiz ausmachte. Die Kulisse zieht auch in Bretonisches Leuchten den Leser wieder in den Bann und fordert in Form von Fernweh und Reiselust ihren Tribut. Ein angemessener Preis für einen der besten Urlaubskrimis, die mir je untergekommen sind. Die unkonventionelle Ermittlungsarbeit, die heimlichen Kooperationen mit Ortsansässigen und Freunden Dupins geben dem ganzen Roman einen spionageartigen Touch, der in einem außergewöhnlichen Gegensatz zu der tiefenentspannten Atmosphäre des idyllischen Örtchens am Ärmelkanal steht. Das weitgehende Fehlen der sonst so dominanten Figuren Kadecs und Riwals fällt kaum auf.
Châpeau, Monsieur Bannalec!
Absolute Leseempfehlung meinerseits - am besten, ihr hört euch den Krimi aber an. Wie immer gelesen von Gerd Wameling, befindet sich das Hörbuch ungekürzt auf Spotify.
Liebe Grüße an Euch!
Melchior

P.S.: Hausarbeit ist fertig und eingereicht - nun habe ich wieder Zeit genug, um Hörbücher in rauen Mengen zu konsumieren. Eventuell rezensiere ich aber auch mal einen Film, eine Serie - oder ganz klassisch ein Buch, dessen Hörfassung ich dem papiernen Original nicht vorgezogen habe.

Fitzek: Die Therapie (2006) - Kommentar

"Wer gleich zu Beginn seines Erstlingsromans zwei Zitate voranstellt, wird es weit bringen."
- Kein Literaturkritiker, jemals.
Dennoch hat es Sebastian Fitzek weit gebracht. Die Therapie war Nummer 1 auf der Spiegel-Bestsellerliste, verkaufte sich (laut Wikipedia) acht Millionen mal. Fitzek gilt - soviel weiß ich aus Gesprächen mit Kommilitonen an der Uni, Freunden, Familie und auch Kollegen aus dem Journalismus, nicht zuletzt aber auch aus diversen fachspezifischen Artikeln - als einer der, wenn nicht der beste Autor von Psychothrillern der jüngeren Literatur. Diverse Preise zieren die Biografie Fitzeks, dennoch bleibt auch (wie bei fast allen hoch gehandelten Autoren) auch Kritik nicht aus. Die Debatte um Fitzeks Talent vollständig abzubilden, würde hier jeodoch zu weit führen, will ich doch eigentlich über seinen Debütroman schreiben, den ich mir nun endlich zu Gemüte geführt habe. Wie so oft griff ich dabei auf Audible zurück. Dort kann man eine ungekürzte Lesung von Simon Jäger relativ günstig erstehen, sofern man über ein Abonnement verfügt. Und diese Lesung hat es, soviel sei vorweg genommen, in sich. Jäger, der mir vor allem als Synchronstimme von Heath Ledger als der Joker bekannt ist, schafft es, die Figuren so unfassbar glaubhaft zu intonieren und selbst die Dialekt-Einschläge des berlinernden Privatdetektivs Kai Strathmann oder des friesischen Inselbürgermeisters Patrick Halberstedt zu imitieren, dass die Personen im Kopf des Lesers extrem real werden. Welch Ironie. 
Fitzek baut in Die Therapie sehr intensive Spannung auf und greift dennoch mit einer Rahmenhandlung partiell immer wieder vorweg, indem er den Protagonisten Viktor Larenz in einer Klinik nacherzählen lässt, was sich auf der Insel Parkum zugetragen habe. Der Konjunktiv ist hier bewusst gewählt, da die Erzählung Larenz' allein aus dem Gedächtnis erfolgt. Was dem jedoch entgegen gesetzt wird, ist der geradezu provokant allwissende Erzähler, der immer wieder mit Sätzen wie "An dieser Stelle hätte es Viktor eigentlich schon auffallen können, dass ..." das Miträtseln seitens des Rezipienten anregt. Tatsächlich kann man als lesende oder hörende Person, die sich regelmäßig mit Psychologie und/oder Kriminalliteratur beschäftigt auf Grund der dargelegten Fakten prinzipiell das Ende erraten - jedoch kommt der eine oder andere Plottwist letztendlich doch so überraschend, dass die fast schon arrogante Erzählweise nicht störend, sondern eher realistisch im Kontext der Psychotherapie als Themenfeld wirkt.
Die Erzählperspektive, die Zeitsprünge und die erfrischend andersartige Handlung sorgen dafür, dass nur wenig negatives bezüglich Die Therapie im Gedächtnis bleibt. Allerdings fehlte es Fitzek 2006 offenbar noch an Handwerkszeug: Gleich mehrere Tempusfehler fallen auf, die aber keinen  echten Stolperstein bei der Lektüre eines so fesselnden Romans bilden. Zudem beruhigt mich als frischer Fitzek-Fan, dass der Spiegel ihn 2014 in Person Lektorin Maren Kellers ob seines Schreibstils erneut lobt.
Definitiv werde ich der Reihe nach nun weitere Fitzek-Romane hören - Simon Jäger hat zu meiner Überzeugung nicht unwesentlich beigetragen. Unweigerlich werden dann in Zukunft auch weitere Rezensionen bezüglich Fitzek auf KrimiKammer landen. Vielleicht auch eine kleine Diskussion über dessen Werdegang - insbesondere seine Wurzeln im Journalismus? Mal sehen.
Bis dahin wünsche ich euch einen schönen Rest-Sonntag - oder Rest-Tag, an welchem ihr diese kleine Kritik lest!
Melchior

Bannalec: Bretonische Flut (2016) - Kritik

Ist es vermessen zu sagen, Bretonische Flut habe alles? Spannung, klassische Krimi-Elemente (Element Of Crime? Lustig...), Struktur, wie auch in gewissem Maße Strukturlosigkeit, Dialoge, Monologe - und wie immer malerische Landschaften - nein, es ist nicht vermessen. Schon während des Hör-Prozesses - auf Spotify, wie immer bei Bannalec - hatte ich das Gefühl, dass dies der bis dato beste Bretagne-Krimi ist. Nach dem eher mäßigen vierten Teil, Bretonischer Stolz, schafft Jörg Bong (alias Jean-Luc Bannalec) das, was nur sehr wenige Schriftsteller schaffen: Er kommt besser denn je zurück.
Einsteigend in die Materie versuche ich mich eigentlich stets an einer Einordnung in ein Untergenre der Kriminalliteratur. Dies fällt selten leicht und gelingt oft nur mit Abstufungen. Bei Bretonische Flut ist es denkbar simpel: Ausgehend von den klassischen Merkmalen der simultanen Aufklärung von Kapitalverbrechen - insbesondere Mord - und des Ermittelnden als Protagonisten handelt es sich hier um einen Bilderbuch-Thriller. Also ohne Bilder selbstverständlich. Allerdings wie immer bei Bannalec mit großartig bildhafter Sprache, die dem Leser, bzw. dem Hörer, die Bretagne direkt und naturgetreu vor das innere Auge projiziert. Man könnte sagen, für Krimi-Fans sei Bannalec, was Rosamunde Pilcher für Kitsch-Freunde ist. An dieser Stelle gilt es übrigens kurz dem Werk und Leben dieser ikonischen Vollblutautorin zu gedenken. Aus literarischer Sicht ist der Tod dieser beeindruckenden Frau ein herber Verlust.
Kommen wir jedoch wieder zum heute zu besprechenden Werk zurück. Vielleicht hat mich Kommissar Dupins fünfter Fall deshalb so sehr fasziniert, weil das Meer - eine meiner großen Leidenschaften abseits der Kriminalliteratur - eine tragende Rolle spielt. Im wahrsten Sinne des Wortes, da überaus viele Passagen des Romans an Bord diverser Boote spielen. Auch, dass erneut die Rede von spektakulären Schätzen und der bretonischen Sagenwelt ist, spielt für meinen äußerst positiven Eindruck sicherlich eine Rolle.
Zusammenfassend lässt sich wie immer sagen: Am besten, Ihr lest es selbst. Oder hört Gerd Wameling (kostenlos!) auf Spotify dabei zu, wie er Jörg Bongs Figuren zum Leben erweckt. Hauptsache ihr schaut nicht die Filme. Aber das ist eine andere Geschichte. 
Liebe Grüße und einen schönen Frühlingsanfang euch allen!
Melchior

Carter: Der Knochenbrecher (2012) - Kritik/Kommentar

"Ich lese viel" - Detective Robert Hunter.
Vielseitig gebildet, hart gesotten, auf eigenartig unaufgeregte Weise exzentrisch: Detective Robert Hunter aus der Hunter/Garcia-Reihe von Chris Carter ist der Prototyp des genialen Detektivs aus einem modernen Thriller. Und genau das macht die Reihe so interessant. Ein Protagonist mit dem Format eines Hercule Poirot oder Sherlock Holmes, der dabei aber selbst viel mehr in die Handlung eingreift, Polizeiarbeit verrichtet und sich mit Schlafproblemen herumplagt, wirkt wie die Neuauflage jener klassischer Figuren, verfrachtet in das harte 21. Jahrhundert in der brutalen Realität der Großstadt Los Angeles.
Chris Carter, selbst wie Hunter forensischer Psychologe, weiß, wie man Spannung aufbaut und Charaktere glaubhaft erscheinen lässt. Die Fälle des Morddezernats 1 des LAPD sind von besonderer Brutalität - und das sorgt jedes Mal für einen besonderen Spannungsschub gleich zu Anfang. Ein Serienkiller plus zugenähte Körperöffnungen klingt schon enorm vielversprechend. Zudem greift Carter gleich zu Beginn von Der Knochenbrecher zu einem echten Hammer, indem er einen der Stammgäste der vorherigen Bände auf grausame Weise sterben lässt. So macht der ehemalige Rock-Gitarrist klar: Hier wird niemand verschont, es kann jeden treffen. Mit dieser Information wird die rasante Handlung rund um die Entführungen und Ermordungen junger Frauen noch viel packender - ein geschickter, wie auch absolut gnadenloser Schachzug.
Dennoch hat mich dieser Carter-Thriller nicht so gepackt, wie es zuvor Der Kruzifix-Killer, Der Vollstrecker oder mein Einstieg Der Totmacher geschafft haben. Das hat einen sehr banalen Grund: Ich habe die ganze Zeit erwartet, dass die Handlung noch eine Wendung hat - nämlich, dass jemandem die Knochen gebrochen werden. Diesen Plottwist gibt es (Achtung, harmloser Spoiler) nicht. Es gibt zwar ein, zwei gebrochene Knochen, doch diese sind kaum Story-Relevant. Wie schon bei Deavers Der Komponist ist auch bei  Der Knochenbrecher der Titel sehr ungelenk übersetzt. Während allerdings bei The Burial Hour der Schwerpunkt der Übersetzung auf einen anderen Aspekt des Romans gelegt wurde, fehlt dieser elementare Bestandteil eines guten Thriller-Titels bei Der Knochenbrecher vollständig: Keine brechenden Knochen, wohl aber ein Night Stalker - so lautet der Originaltitel. Mein Rat als Leser: Belasst doch die Titel in solchen Fällen einfach beim Original. Weniger irreführend - und als Carter-Konsument braucht man ohnehin gute Englischkenntnisse. Fast so dringend wie einen stabilen Magen.
Als Fan richtig brutaler psychologischer Thriller kommt man bei Der Knochenbrecher aber auf seine Kosten. Ich bin zufrieden. Als Hörbuch findet man den Titel übrigens bei Audible - gelesen von Uve Teschner. Eine wirklich gute, düstere Lesung - nur zu empfehlen.

Als nächstes auf meiner To-Listen-Liste steht übrigens Bretonische Flut von Jean-Luc Bannalec! Wird dann natürlich hier rezensiert!
Melchior

Bannalec: Bretonischer Stolz (2015) - Kritik/Kommentar

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich in letzter Zeit sehr viele gute Thriller höre. Vielleicht hängt es auch mit der Häufung an Deaver-Romanen in meiner Audible-Bibliothek zusammen. Egal, was letztlich dee Grund dafür ist: Den Plottwist (welchen, verrate ich Euch selbstverständlich nicht) aus Bretonischer Stolz habe ich vorausgesehen. Gleich bei der ersten Erwähnung des dazugehörigen Handlungsstrangs.
Jörg Bong, alias Jean-Luc Bannalec, ist kein Jeffery Deaver. Er ist ein sehr guter Krimi-Autor, ein geradezu klassischer Krimi-Autor, dessen Genre der Polizeiroman geworden ist. Und er ist Bretagne-Liebhaber. Aber ein Plottwist-Genie wie Deaver ist er eben nicht. Während dieser die Story nach Belieben in jede nur erdenkliche Richtung lenken kann, ohne dass es unglaubwürdig wirken würde, versucht Bong den großen Coup, den er am Ende enthüllen will, mithilfe diverser eher kruder Nebenhandlungen weniger sichtbar zu machen, als er es eigentlich ist. Denn die eigentliche Geschichte rund um die Geschehnisse in dem malerischen bretonischen Dorf Port-de-Bélon ist eine ganz klassische Detektivstory, die durch einen Thriller immer wieder in den Hintergrund gedrängt wird. Bong vergreift sich in Bretonischer Stolz selbst mehrfach an Vergleichen zu Hercule Poirot, dem legendären belgischen Detektiv aus Agatha Christies Romanen. Dieser wiederum hätte den Fall vermutlich nach einer halben Stunde aufgeklärt, das ganze Dorf versammelt und sich über den Schnurrbart streichend selbstzufrieden den Tathergang geschildert. Commissaire Georges Dupin hingegen, dessen Methode es ist, keine Methode zu haben, stochert wild zwischen den verschiedenen Handlungssträngen umher, die alle irgendetwas mit seinem Fall zu tun haben könnten.
Zugegeben: An Dupins Stelle würde vermutlich jeder von uns genau dasselbe tun. Unter dem Druck eines cholerischen Präfekten im Nacken und mit einer, möglicherweise sogar zwei Leichen als Ausgangspunkt - ich würde mir vermutlich auch einen petit café gönnen und versuchen alles nach und nach zu bewältigen. Aber Bong hat in diesem Teil seiner absolut lesenswerten Bretagne-Reihe den Fehler gemacht, dass er dem Leser zu viel auf einmal zumutet: Während der ohnehin schon komplexen Handlung, zieht die seit Anfang des letzten Bandes wieder nicht mehr Ex-Freundin des Kommissars zu diesem in die Bretagne. Zudem finden im Hintergrund Planungen für das fünfjährige Jubiläum Dupins in der Bretagne statt - ein schöner Schlusspunkt, aber prinzipiell vollkommen irrelevant für die Story. Das ganze Spektakel wird abgerundet durch eine vollkommen unglaubwürdige Nebenstory rund um eine berühmte Schauspielerin (bzw. deren Zwillingsschwester?), die als Zeugin auftritt, dann aber - ohne ersichtlichen Grund - durch den Kommissar zu seiner Mitarbeiterin gemacht wird. Die in die Jahre gekommene Diva hilft bei den Ermittlungen mittels Wahrträumen (!) von ihrem Leichenfund, die sich zwar als zuverlässig erweisen, jedoch den Kommissar zu ähnlichen Herangehensweisen ermutigen (um nicht zu viel zu verraten, sei hier der genaue Kontext außen vor gelassen). 
Zusammenfassend lässt sich feststellen: Jean-Luc Bannalec war schon besser. Wesentlich besser. Der vierte Fall des Parisers in der Bretagne ist mit großem Abstand sein verquerster, verworrenster, dabei aber nicht sein spannendster.
Ich würde Euch aber nicht davon abraten, den Band der Reihe trotzdem zu lesen, bzw. auf Spotify zu hören. Auch hier wird eine Menge über die Bretagne erzählt - ob relevant oder nicht, sei einmal dahingestellt - und es kommt Urlaubsstimmung auf, die der anhaltenden Verwirrung angemessen Paroli bietet. Wenn Ihr Austern mögt, seid ihr mit Bretonischer Stolz auf jeden Fall gut beraten.
Soviel dazu. Ich hoffe, Ihr konntet dieser Rezension - oder vielmehr diesem Kommentar - etwas abgewinnen. Schreibt ruhig einen Kommentar darunter (vor allem, wenn Ihr das Buch selbst schon gelesen habt)!
Liebe Grüße!
Melchior

Deaver: Der Komponist (The Burial Hour, 2018)

Abgefahren.
Das fasst es eigentlich ganz gut zusammen. Ein typischer Deaver - aber eben doch nicht. Ganz im Gegenteil. Jeffery Deaver zeigt im mittlerweile 13. Teil der Lincoln-Rhyme-Serie alles, was er kann. Dennoch lautet mein Fazit nicht "bester Deaver-Thriller aller Zeiten", sondern schlicht "abgefahren". Letzten Endes bin ich nicht zu 100 Prozent überzeugt, weil es - und das ist unsagbar ironisch - nicht das war, was ich erwartet habe.
Dieser Versuch einer spoilerfreien Rezension scheitert heute auf ganzer Linie: Schon die Einordnung des Romans in ein literarisches Untergenre des Kriminalromans würde mehr über den Plot verraten, als ich mir zu Beginn des Hörprozesses hätte träumen lassen. Trotz dieses Handicaps versuche ich nun, einen kleinen Eindruck zu vermitteln, wie ich zu "abgefahren" komme - einem Wort, welches sich seltenst in meinem Sprachgebrauch findet.
Zunächst einmal bricht Jeffery Deaver aus seinem gewohnten Revier aus. Der Großraum New York, das Jagdgebiet von Lincoln Rhyme, wird diesmal gegen die Gegend rund um die süditalienische Großstadt Neapel eingetauscht. Der gelähmte Ermittler, seine (mittlerweile mit ihm verlobte) Partnerin Amelia Sachs und Betreuer Thom Reston verfolgen einen Entführer - den "Komponisten" - nach Italien, wo dieser sich überraschend für Flüchtlinge als Opfer entscheidet. Rund um diese höchst politische Thematik entwickelt sich eine von Höhen und Tiefen durchzogene Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden - neue Charaktere, interessante Nebengeschichten.
Nun muss ich doch etwas vorwegnehmen: Die teilweise unglaubwürdigen Episoden zu Beginn des Thrillers werden zwar erst gegen Ende, dafür aber in aller Vollständigkeit aufgeklärt. Wie immer bei Deaver bleibt man zwar ohne Fragezeichen, dafür aber mit offenem Mund zurück. Dennoch findet sich hier, wenn man so will, eine kleine Schwachstelle des Romans: Wer nicht ohnehin schon Deaver-Fan ist, wird diesen Roman vermutlich nach wenigen Kapiteln weglegen. Fan wird man mit diesem Band der Reihe nicht - man muss es schon sein. Dabei bewegt sich Deaver auf einem Terrain, welches auch abseits des eigentlichen Plots eine gewisse Spannung in sich trägt. Der englischsprachige Titel liegt, so viel sei verraten, näher am eigentlichen Geschehen als der deutsche. "Die Begräbnisstunde", so lautet die wörtliche Übersetzung von Thomas Haufschild, wäre vermutlich ein treffenderer Titel gewesen. Dass man sich trotzdem für "Der Komponist" entschieden hat, könnte ein Versuch des Blanvalet Verlags gewesen sein, auch neue Leserinnen und Leser bei der Stange zu halten. Meiner Prognose nach bleibt dieser weitestgehend erfolglos.
ABER - ja, aber - der Thriller ist ein beeindruckender Versuch Deavers, aus seinem angestammten Genre auszubrechen, was ihm gegen Ende auch gelingt. Nur als kleiner Hinweis für die Rätselfreunde unter Euch: Jeffery Deaver hat mit Carte Blanche (2012) auch schon einen James-Bond-Roman verfasst. Weiter will ich Euch wirklich nicht spoilern.
Nur ein gut gemeinter Ratschlag: Fangt bei der Lincoln-Rhyme-Reihe vorne an. Aber fangt an.

In der Hoffnung, Euch einen spoilerfreien Eindruck verschafft zu haben,
Melchior

Bannalec: Bretonisches Gold (2014) - Kritik

"Das macht einen Skeptisch. [...] Wäre es ein Kriminalroman, würde man denken, es sieht alles nach einem Selbstmord aus, also sollen die Leser denken, es ist keiner, denn das wäre zu einfach. Aber dann ist es eben genau deswegen doch einer, denn das wäre ja genauso gut zu einfach, wenn es dann keiner wäre. Aber wenn man sich genau das denken würde - und wenn der Krimi gut wäre - dann würde -" (Inspektor Rival)
"Ich verstehe, Rival. Das ist kein Kriminalroman." (Commissaire Dupin)
Dass Jean-Luc Bannalec schreiben kann, doppelte Finten und falscheste Fährten legen kann, die auch den letzten Leser täuschen, wissen wir spätestens seit Band 2 seiner Bretagne-Krimis (Bretonische Brandung). Band 3, der hier rezensierte Titel, der in seiner namensgebenden Metapher auf das Fleur de Sel anspielt, wie dem Leser bereits nach wenigen Seiten offenbar wird, übertrifft seine Vorgänger darin noch einmal. Der obige Dialog zwischen Commissaire Georges Dupin und einem seiner Inspektoren - dem sympathischeren, also Rival - sticht dabei wie ein Leuchtfeuer der Literaturwissenschaft aus einem überraschend anspruchsvollen Roman heraus. Bannalecs drittes Werk stand nicht von ungefähr für mehrere Monate auf der Spiegel-Bestseller-Liste.
Dass Jean-Luc Bannalec gar nicht Jean-Luc Bannalec heißt, ist auch kein Geheimnis. Jörg Bong, so lautet der bürgerliche Name des Wahl-Bretonen, ist selbst Literaturwissenschaftler und das merkt man auch. Die Balance zwischen den malerischen Landschaftsbeschreibungen und den in diesem Band erstmals richtig actiongeladenen Showdowns hält der Autor mühelos. Dabei gelingt es ihm - was wohl auch dem gewählten Ermittlungsschauplatz geschuldet ist, auch noch kulinarische Ausführungen unterzubringen, ohne dass diese in irgendeiner Weise unpassend eingestreut wirken. Sogar als überzeugter Vegetarier erscheint mir eine Seezunge dank Bong, bzw. Bannalec, regelrecht lecker.
Doch was ist, außer den oben gewählten allgemeinen Lobpreisungen, über die Handlung zu sagen, ohne dabei zu spoilern? Zunächst, dass es sich im Gegensatz zu Bretonische Verhältnisse und Bretonsiche Brandung um einen astreinen Thriller handelt. Hatte die WELT noch 2012 von "Soft Crime" gesprochen (welt.de/literarischewelt/article106421190/Von-Null-auf-Hundert-Wer-ist-Jean-Luc-Bannalec [Stand: 7.1.19]) beginnt der dritte Teil der "Ferienkrimis" mit einer Schießerei und beinhaltet - soviel vorweg - nicht nur diese eine. Auch dass sich mit der resoluten, dabei aber geheimnisvollen Commissaire Rose eine weibliche Konkurrentin Dupins an dessen Seite wiederfindet, trägt zu einem insgesamt abwechslungsreicheren Verlauf bei. Die Handlung selbst, voller überraschender Wendungen, soll hier nicht speziell thematisiert werden - lest doch selbst! Oder aber hört, wie ich im Übrigen auch, die Hörbuchfassung gesprochen von Gerd Wameling auf Spotify.
Was ich von Sternewertungen und ähnlichen "Rezensionsformen" halte, werde ich an anderer Stelle einmal erläutern. Daher: Lese- und Hörempfehlung. Absolut. Keine Diskussion!

Viel Spaß!
Melchior

P.S.: Ich gehe in meinen Kritiken nicht nach der Reihe vor, sondern rezensiere das, was ich gerade gelesen, bzw. gehört habe. Habt ein schönes Wochenende!

Kästners "Emil und die Detektive" - ein Thriller? (Essay)

Der nun folgende Essay stammt aus einem Seminar, welches ich in diesem Semester besuche. Da er mir für diesen Blog nur passend erschien, wollte ich ihn gerne hier hochladen - was sich so einfach nicht gestaltete: Die Datei war mir abhanden gekommen, sodass ich den Essay - in korrigierter und leicht gekürzter Fassung - als Bilddatei anbieten kann. Ich hoffe, man kann ihn trotz alledem lesen. Falls nicht, werde ich ihn die Tage noch einmal abtippen...
In der Hoffnung, Euch intellektuell zu erheitern,
Melchior




Wie beginnt ein Blog?

Wie beginnt ein Krimi? Nun - häufig beginnt ein Krimi mit einem Mord. Oftmals folgen dann noch weitere und im Idealfall die Aufklärung der kriminalistischen Kernhandlung.

Wie beginnt ein Blog? Meist nicht mit einem Mord, soviel ist klar. Klar ist auch, dass es zu Beginn einen ersten Eintrag geben muss. Dieser Eintrag beschäftigt sich entweder mit den Inhalten, die auf dem Blog erscheinen werden, mit der bloggenden Person selbst oder mit deren großen Vorhaben, die in Zukunft umgesetzt werden wollen. Häufig - ich habe es selbst schon leidig erfahren - wird aus diesen Vorhaben letztlich nichts. Diese Gefahr besteht immer: Interessen, persönliche Verhältnisse oder Prioritäten wandeln sich, gerade bei jugendlichen Bloggern.
Dieses Exemplar bildet da keine Ausnahme. Die Gefahr, dass der Bloggende das Interesse verliert, wird jedoch minimiert durch sein Thema: Die Kriminalliteratur bietet naturgemäß Spannung - so auch die Beschäftigung mit ihr. Ob literaturwissenschaftlich oder laienhaft als "stupider" Trivialleser, das Eintauchen in die Welt des Verbrechens fasziniert schon seit über zwei Jahrhunderten die Menschen. Doch in einem ersten Post direkt eine Gattungsgeschichte anzureißen wäre fatal - besitzt eine literaturhistorische Abhandlung doch Potential für viel mehr, als nur eine Randnotiz in einem stumpfen Eingangstext.

Doch die eigentliche Frage was Sie (Euch?) hier erwartet, steht nun noch im Raum: Als lesender - vor allem aber Hörbuch-konsumierender Mensch werde ich hier ab sofort kleinere Kritiken oder Gedanken zu den Titeln publizieren, die sich gerade auf meiner Agenda befinden. Aktuell sind dies vor allem die Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec, die Lincoln-Rhyme-Reihe von Jeffery Deaver, sowie die Hunter-Garcia-Romane von Chris Carter. Auffällig ist, dass dies eher aktuelle und selten literarisch "anspruchsvolle" Krimis sind. Dieser Umstand ist der Tatsache geschuldet, dass ich diese abseits meines Studiums zum Vergnügen höre, bzw. lese. Des weiteren befindet sich in der Liste der beliebten Romane viel Conan-Doyle, Christie und Poe - die Klassiker also.
Als Germanistikstudent und freier Journalist liegt mir zudem eine sowohl kritische, als auch wissenschaftliche Arbeitsweise nahe, weshalb die Texte, die es hier zu lesen gibt, gelegentlich eine Essay-Struktur aufweisen werden.
So, das ist jetzt auch wirklich genug Auftaktgerede - ich hoffe Ihr (Entscheidung ist gefallen, ich duze Euch) seid gespannt auf das was kommt. Ich bin es auf alle (Kriminal-)Fälle!

Ganz liebe Grüße
Melchior

"Der Eindringling": Warum der neue Thriller von Jeffery Deaver brandaktuell ist

Ende 2023 ist endlich wieder ein neuer Thriller aus der Feder Jeffery Deavers erschienen - auch auf Deutsch. Ich habe mir das Hörbuch gekauf...