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Deaver: Der Komponist (The Burial Hour, 2018)

Abgefahren.
Das fasst es eigentlich ganz gut zusammen. Ein typischer Deaver - aber eben doch nicht. Ganz im Gegenteil. Jeffery Deaver zeigt im mittlerweile 13. Teil der Lincoln-Rhyme-Serie alles, was er kann. Dennoch lautet mein Fazit nicht "bester Deaver-Thriller aller Zeiten", sondern schlicht "abgefahren". Letzten Endes bin ich nicht zu 100 Prozent überzeugt, weil es - und das ist unsagbar ironisch - nicht das war, was ich erwartet habe.
Dieser Versuch einer spoilerfreien Rezension scheitert heute auf ganzer Linie: Schon die Einordnung des Romans in ein literarisches Untergenre des Kriminalromans würde mehr über den Plot verraten, als ich mir zu Beginn des Hörprozesses hätte träumen lassen. Trotz dieses Handicaps versuche ich nun, einen kleinen Eindruck zu vermitteln, wie ich zu "abgefahren" komme - einem Wort, welches sich seltenst in meinem Sprachgebrauch findet.
Zunächst einmal bricht Jeffery Deaver aus seinem gewohnten Revier aus. Der Großraum New York, das Jagdgebiet von Lincoln Rhyme, wird diesmal gegen die Gegend rund um die süditalienische Großstadt Neapel eingetauscht. Der gelähmte Ermittler, seine (mittlerweile mit ihm verlobte) Partnerin Amelia Sachs und Betreuer Thom Reston verfolgen einen Entführer - den "Komponisten" - nach Italien, wo dieser sich überraschend für Flüchtlinge als Opfer entscheidet. Rund um diese höchst politische Thematik entwickelt sich eine von Höhen und Tiefen durchzogene Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden - neue Charaktere, interessante Nebengeschichten.
Nun muss ich doch etwas vorwegnehmen: Die teilweise unglaubwürdigen Episoden zu Beginn des Thrillers werden zwar erst gegen Ende, dafür aber in aller Vollständigkeit aufgeklärt. Wie immer bei Deaver bleibt man zwar ohne Fragezeichen, dafür aber mit offenem Mund zurück. Dennoch findet sich hier, wenn man so will, eine kleine Schwachstelle des Romans: Wer nicht ohnehin schon Deaver-Fan ist, wird diesen Roman vermutlich nach wenigen Kapiteln weglegen. Fan wird man mit diesem Band der Reihe nicht - man muss es schon sein. Dabei bewegt sich Deaver auf einem Terrain, welches auch abseits des eigentlichen Plots eine gewisse Spannung in sich trägt. Der englischsprachige Titel liegt, so viel sei verraten, näher am eigentlichen Geschehen als der deutsche. "Die Begräbnisstunde", so lautet die wörtliche Übersetzung von Thomas Haufschild, wäre vermutlich ein treffenderer Titel gewesen. Dass man sich trotzdem für "Der Komponist" entschieden hat, könnte ein Versuch des Blanvalet Verlags gewesen sein, auch neue Leserinnen und Leser bei der Stange zu halten. Meiner Prognose nach bleibt dieser weitestgehend erfolglos.
ABER - ja, aber - der Thriller ist ein beeindruckender Versuch Deavers, aus seinem angestammten Genre auszubrechen, was ihm gegen Ende auch gelingt. Nur als kleiner Hinweis für die Rätselfreunde unter Euch: Jeffery Deaver hat mit Carte Blanche (2012) auch schon einen James-Bond-Roman verfasst. Weiter will ich Euch wirklich nicht spoilern.
Nur ein gut gemeinter Ratschlag: Fangt bei der Lincoln-Rhyme-Reihe vorne an. Aber fangt an.

In der Hoffnung, Euch einen spoilerfreien Eindruck verschafft zu haben,
Melchior

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