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Bannalec: Bretonischer Stolz (2015) - Kritik/Kommentar

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich in letzter Zeit sehr viele gute Thriller höre. Vielleicht hängt es auch mit der Häufung an Deaver-Romanen in meiner Audible-Bibliothek zusammen. Egal, was letztlich dee Grund dafür ist: Den Plottwist (welchen, verrate ich Euch selbstverständlich nicht) aus Bretonischer Stolz habe ich vorausgesehen. Gleich bei der ersten Erwähnung des dazugehörigen Handlungsstrangs.
Jörg Bong, alias Jean-Luc Bannalec, ist kein Jeffery Deaver. Er ist ein sehr guter Krimi-Autor, ein geradezu klassischer Krimi-Autor, dessen Genre der Polizeiroman geworden ist. Und er ist Bretagne-Liebhaber. Aber ein Plottwist-Genie wie Deaver ist er eben nicht. Während dieser die Story nach Belieben in jede nur erdenkliche Richtung lenken kann, ohne dass es unglaubwürdig wirken würde, versucht Bong den großen Coup, den er am Ende enthüllen will, mithilfe diverser eher kruder Nebenhandlungen weniger sichtbar zu machen, als er es eigentlich ist. Denn die eigentliche Geschichte rund um die Geschehnisse in dem malerischen bretonischen Dorf Port-de-Bélon ist eine ganz klassische Detektivstory, die durch einen Thriller immer wieder in den Hintergrund gedrängt wird. Bong vergreift sich in Bretonischer Stolz selbst mehrfach an Vergleichen zu Hercule Poirot, dem legendären belgischen Detektiv aus Agatha Christies Romanen. Dieser wiederum hätte den Fall vermutlich nach einer halben Stunde aufgeklärt, das ganze Dorf versammelt und sich über den Schnurrbart streichend selbstzufrieden den Tathergang geschildert. Commissaire Georges Dupin hingegen, dessen Methode es ist, keine Methode zu haben, stochert wild zwischen den verschiedenen Handlungssträngen umher, die alle irgendetwas mit seinem Fall zu tun haben könnten.
Zugegeben: An Dupins Stelle würde vermutlich jeder von uns genau dasselbe tun. Unter dem Druck eines cholerischen Präfekten im Nacken und mit einer, möglicherweise sogar zwei Leichen als Ausgangspunkt - ich würde mir vermutlich auch einen petit café gönnen und versuchen alles nach und nach zu bewältigen. Aber Bong hat in diesem Teil seiner absolut lesenswerten Bretagne-Reihe den Fehler gemacht, dass er dem Leser zu viel auf einmal zumutet: Während der ohnehin schon komplexen Handlung, zieht die seit Anfang des letzten Bandes wieder nicht mehr Ex-Freundin des Kommissars zu diesem in die Bretagne. Zudem finden im Hintergrund Planungen für das fünfjährige Jubiläum Dupins in der Bretagne statt - ein schöner Schlusspunkt, aber prinzipiell vollkommen irrelevant für die Story. Das ganze Spektakel wird abgerundet durch eine vollkommen unglaubwürdige Nebenstory rund um eine berühmte Schauspielerin (bzw. deren Zwillingsschwester?), die als Zeugin auftritt, dann aber - ohne ersichtlichen Grund - durch den Kommissar zu seiner Mitarbeiterin gemacht wird. Die in die Jahre gekommene Diva hilft bei den Ermittlungen mittels Wahrträumen (!) von ihrem Leichenfund, die sich zwar als zuverlässig erweisen, jedoch den Kommissar zu ähnlichen Herangehensweisen ermutigen (um nicht zu viel zu verraten, sei hier der genaue Kontext außen vor gelassen). 
Zusammenfassend lässt sich feststellen: Jean-Luc Bannalec war schon besser. Wesentlich besser. Der vierte Fall des Parisers in der Bretagne ist mit großem Abstand sein verquerster, verworrenster, dabei aber nicht sein spannendster.
Ich würde Euch aber nicht davon abraten, den Band der Reihe trotzdem zu lesen, bzw. auf Spotify zu hören. Auch hier wird eine Menge über die Bretagne erzählt - ob relevant oder nicht, sei einmal dahingestellt - und es kommt Urlaubsstimmung auf, die der anhaltenden Verwirrung angemessen Paroli bietet. Wenn Ihr Austern mögt, seid ihr mit Bretonischer Stolz auf jeden Fall gut beraten.
Soviel dazu. Ich hoffe, Ihr konntet dieser Rezension - oder vielmehr diesem Kommentar - etwas abgewinnen. Schreibt ruhig einen Kommentar darunter (vor allem, wenn Ihr das Buch selbst schon gelesen habt)!
Liebe Grüße!
Melchior

Deaver: Der Komponist (The Burial Hour, 2018)

Abgefahren.
Das fasst es eigentlich ganz gut zusammen. Ein typischer Deaver - aber eben doch nicht. Ganz im Gegenteil. Jeffery Deaver zeigt im mittlerweile 13. Teil der Lincoln-Rhyme-Serie alles, was er kann. Dennoch lautet mein Fazit nicht "bester Deaver-Thriller aller Zeiten", sondern schlicht "abgefahren". Letzten Endes bin ich nicht zu 100 Prozent überzeugt, weil es - und das ist unsagbar ironisch - nicht das war, was ich erwartet habe.
Dieser Versuch einer spoilerfreien Rezension scheitert heute auf ganzer Linie: Schon die Einordnung des Romans in ein literarisches Untergenre des Kriminalromans würde mehr über den Plot verraten, als ich mir zu Beginn des Hörprozesses hätte träumen lassen. Trotz dieses Handicaps versuche ich nun, einen kleinen Eindruck zu vermitteln, wie ich zu "abgefahren" komme - einem Wort, welches sich seltenst in meinem Sprachgebrauch findet.
Zunächst einmal bricht Jeffery Deaver aus seinem gewohnten Revier aus. Der Großraum New York, das Jagdgebiet von Lincoln Rhyme, wird diesmal gegen die Gegend rund um die süditalienische Großstadt Neapel eingetauscht. Der gelähmte Ermittler, seine (mittlerweile mit ihm verlobte) Partnerin Amelia Sachs und Betreuer Thom Reston verfolgen einen Entführer - den "Komponisten" - nach Italien, wo dieser sich überraschend für Flüchtlinge als Opfer entscheidet. Rund um diese höchst politische Thematik entwickelt sich eine von Höhen und Tiefen durchzogene Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden - neue Charaktere, interessante Nebengeschichten.
Nun muss ich doch etwas vorwegnehmen: Die teilweise unglaubwürdigen Episoden zu Beginn des Thrillers werden zwar erst gegen Ende, dafür aber in aller Vollständigkeit aufgeklärt. Wie immer bei Deaver bleibt man zwar ohne Fragezeichen, dafür aber mit offenem Mund zurück. Dennoch findet sich hier, wenn man so will, eine kleine Schwachstelle des Romans: Wer nicht ohnehin schon Deaver-Fan ist, wird diesen Roman vermutlich nach wenigen Kapiteln weglegen. Fan wird man mit diesem Band der Reihe nicht - man muss es schon sein. Dabei bewegt sich Deaver auf einem Terrain, welches auch abseits des eigentlichen Plots eine gewisse Spannung in sich trägt. Der englischsprachige Titel liegt, so viel sei verraten, näher am eigentlichen Geschehen als der deutsche. "Die Begräbnisstunde", so lautet die wörtliche Übersetzung von Thomas Haufschild, wäre vermutlich ein treffenderer Titel gewesen. Dass man sich trotzdem für "Der Komponist" entschieden hat, könnte ein Versuch des Blanvalet Verlags gewesen sein, auch neue Leserinnen und Leser bei der Stange zu halten. Meiner Prognose nach bleibt dieser weitestgehend erfolglos.
ABER - ja, aber - der Thriller ist ein beeindruckender Versuch Deavers, aus seinem angestammten Genre auszubrechen, was ihm gegen Ende auch gelingt. Nur als kleiner Hinweis für die Rätselfreunde unter Euch: Jeffery Deaver hat mit Carte Blanche (2012) auch schon einen James-Bond-Roman verfasst. Weiter will ich Euch wirklich nicht spoilern.
Nur ein gut gemeinter Ratschlag: Fangt bei der Lincoln-Rhyme-Reihe vorne an. Aber fangt an.

In der Hoffnung, Euch einen spoilerfreien Eindruck verschafft zu haben,
Melchior

Bannalec: Bretonisches Gold (2014) - Kritik

"Das macht einen Skeptisch. [...] Wäre es ein Kriminalroman, würde man denken, es sieht alles nach einem Selbstmord aus, also sollen die Leser denken, es ist keiner, denn das wäre zu einfach. Aber dann ist es eben genau deswegen doch einer, denn das wäre ja genauso gut zu einfach, wenn es dann keiner wäre. Aber wenn man sich genau das denken würde - und wenn der Krimi gut wäre - dann würde -" (Inspektor Rival)
"Ich verstehe, Rival. Das ist kein Kriminalroman." (Commissaire Dupin)
Dass Jean-Luc Bannalec schreiben kann, doppelte Finten und falscheste Fährten legen kann, die auch den letzten Leser täuschen, wissen wir spätestens seit Band 2 seiner Bretagne-Krimis (Bretonische Brandung). Band 3, der hier rezensierte Titel, der in seiner namensgebenden Metapher auf das Fleur de Sel anspielt, wie dem Leser bereits nach wenigen Seiten offenbar wird, übertrifft seine Vorgänger darin noch einmal. Der obige Dialog zwischen Commissaire Georges Dupin und einem seiner Inspektoren - dem sympathischeren, also Rival - sticht dabei wie ein Leuchtfeuer der Literaturwissenschaft aus einem überraschend anspruchsvollen Roman heraus. Bannalecs drittes Werk stand nicht von ungefähr für mehrere Monate auf der Spiegel-Bestseller-Liste.
Dass Jean-Luc Bannalec gar nicht Jean-Luc Bannalec heißt, ist auch kein Geheimnis. Jörg Bong, so lautet der bürgerliche Name des Wahl-Bretonen, ist selbst Literaturwissenschaftler und das merkt man auch. Die Balance zwischen den malerischen Landschaftsbeschreibungen und den in diesem Band erstmals richtig actiongeladenen Showdowns hält der Autor mühelos. Dabei gelingt es ihm - was wohl auch dem gewählten Ermittlungsschauplatz geschuldet ist, auch noch kulinarische Ausführungen unterzubringen, ohne dass diese in irgendeiner Weise unpassend eingestreut wirken. Sogar als überzeugter Vegetarier erscheint mir eine Seezunge dank Bong, bzw. Bannalec, regelrecht lecker.
Doch was ist, außer den oben gewählten allgemeinen Lobpreisungen, über die Handlung zu sagen, ohne dabei zu spoilern? Zunächst, dass es sich im Gegensatz zu Bretonische Verhältnisse und Bretonsiche Brandung um einen astreinen Thriller handelt. Hatte die WELT noch 2012 von "Soft Crime" gesprochen (welt.de/literarischewelt/article106421190/Von-Null-auf-Hundert-Wer-ist-Jean-Luc-Bannalec [Stand: 7.1.19]) beginnt der dritte Teil der "Ferienkrimis" mit einer Schießerei und beinhaltet - soviel vorweg - nicht nur diese eine. Auch dass sich mit der resoluten, dabei aber geheimnisvollen Commissaire Rose eine weibliche Konkurrentin Dupins an dessen Seite wiederfindet, trägt zu einem insgesamt abwechslungsreicheren Verlauf bei. Die Handlung selbst, voller überraschender Wendungen, soll hier nicht speziell thematisiert werden - lest doch selbst! Oder aber hört, wie ich im Übrigen auch, die Hörbuchfassung gesprochen von Gerd Wameling auf Spotify.
Was ich von Sternewertungen und ähnlichen "Rezensionsformen" halte, werde ich an anderer Stelle einmal erläutern. Daher: Lese- und Hörempfehlung. Absolut. Keine Diskussion!

Viel Spaß!
Melchior

P.S.: Ich gehe in meinen Kritiken nicht nach der Reihe vor, sondern rezensiere das, was ich gerade gelesen, bzw. gehört habe. Habt ein schönes Wochenende!

Kästners "Emil und die Detektive" - ein Thriller? (Essay)

Der nun folgende Essay stammt aus einem Seminar, welches ich in diesem Semester besuche. Da er mir für diesen Blog nur passend erschien, wollte ich ihn gerne hier hochladen - was sich so einfach nicht gestaltete: Die Datei war mir abhanden gekommen, sodass ich den Essay - in korrigierter und leicht gekürzter Fassung - als Bilddatei anbieten kann. Ich hoffe, man kann ihn trotz alledem lesen. Falls nicht, werde ich ihn die Tage noch einmal abtippen...
In der Hoffnung, Euch intellektuell zu erheitern,
Melchior




Wie beginnt ein Blog?

Wie beginnt ein Krimi? Nun - häufig beginnt ein Krimi mit einem Mord. Oftmals folgen dann noch weitere und im Idealfall die Aufklärung der kriminalistischen Kernhandlung.

Wie beginnt ein Blog? Meist nicht mit einem Mord, soviel ist klar. Klar ist auch, dass es zu Beginn einen ersten Eintrag geben muss. Dieser Eintrag beschäftigt sich entweder mit den Inhalten, die auf dem Blog erscheinen werden, mit der bloggenden Person selbst oder mit deren großen Vorhaben, die in Zukunft umgesetzt werden wollen. Häufig - ich habe es selbst schon leidig erfahren - wird aus diesen Vorhaben letztlich nichts. Diese Gefahr besteht immer: Interessen, persönliche Verhältnisse oder Prioritäten wandeln sich, gerade bei jugendlichen Bloggern.
Dieses Exemplar bildet da keine Ausnahme. Die Gefahr, dass der Bloggende das Interesse verliert, wird jedoch minimiert durch sein Thema: Die Kriminalliteratur bietet naturgemäß Spannung - so auch die Beschäftigung mit ihr. Ob literaturwissenschaftlich oder laienhaft als "stupider" Trivialleser, das Eintauchen in die Welt des Verbrechens fasziniert schon seit über zwei Jahrhunderten die Menschen. Doch in einem ersten Post direkt eine Gattungsgeschichte anzureißen wäre fatal - besitzt eine literaturhistorische Abhandlung doch Potential für viel mehr, als nur eine Randnotiz in einem stumpfen Eingangstext.

Doch die eigentliche Frage was Sie (Euch?) hier erwartet, steht nun noch im Raum: Als lesender - vor allem aber Hörbuch-konsumierender Mensch werde ich hier ab sofort kleinere Kritiken oder Gedanken zu den Titeln publizieren, die sich gerade auf meiner Agenda befinden. Aktuell sind dies vor allem die Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec, die Lincoln-Rhyme-Reihe von Jeffery Deaver, sowie die Hunter-Garcia-Romane von Chris Carter. Auffällig ist, dass dies eher aktuelle und selten literarisch "anspruchsvolle" Krimis sind. Dieser Umstand ist der Tatsache geschuldet, dass ich diese abseits meines Studiums zum Vergnügen höre, bzw. lese. Des weiteren befindet sich in der Liste der beliebten Romane viel Conan-Doyle, Christie und Poe - die Klassiker also.
Als Germanistikstudent und freier Journalist liegt mir zudem eine sowohl kritische, als auch wissenschaftliche Arbeitsweise nahe, weshalb die Texte, die es hier zu lesen gibt, gelegentlich eine Essay-Struktur aufweisen werden.
So, das ist jetzt auch wirklich genug Auftaktgerede - ich hoffe Ihr (Entscheidung ist gefallen, ich duze Euch) seid gespannt auf das was kommt. Ich bin es auf alle (Kriminal-)Fälle!

Ganz liebe Grüße
Melchior

"Der Eindringling": Warum der neue Thriller von Jeffery Deaver brandaktuell ist

Ende 2023 ist endlich wieder ein neuer Thriller aus der Feder Jeffery Deavers erschienen - auch auf Deutsch. Ich habe mir das Hörbuch gekauf...