Ein Kompartiment des Kriminellen, des Absonderlichen und des Gewöhnlichen aus der Perspektive der Lesenden, Beobachtenden und Schreibenden.
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Ode an mein Instrument
"Wachschlaf der Gerechten" oder: Der Schiebetermin
Eigentlich sind es Stunden, die man als Gerichtsreporter in den oft stickigen, trostlosen und nicht selten abgrundtief hässlichen Sälen zubringt. Heute jedoch ist ein sogenannter Schiebetermin angesetzt in dem bereits seit zehn Verhandlungstagen andauernden Prozess. Von einem Schiebetermin sprechen Jurist*innen, wenn sie einen Tag meinen, der für den Fort- und Ausgang des Verfahrens inhaltlich höchstens marginal relevant, prozessual jedoch von immenser bürokratischer Wichtigkeit ist.
Bannalec: Bretonische Nächte (2022) | Rezension
"Es war zu verrückt. Aber das musste nichts heißen. Für die Wirklichkeit war das kein Kriterium."
Verrückt ist es schon, wenn Commissaire George Dupin aus Concarneau plötzlich an der Nordküste des Finistère ermitteln muss, weil einer seiner Inspektoren niedergeschlagen wurde. Böse Zungen könnten es unrealistisch nennen. Aber wer will sich beschweren, wenn Jean-Luc Bannalec von der Côte des Abers schwärmt. Ich sicher nicht, ist die Gegend, in die es Dupin in Bretonische Nächte verschlägt doch ausgerechnet der Teil der Bretagne, in der ich bei meinen Besuchen im Finistère meinen Urlaub verbracht habe.
Ausgerechnet am Aber Wrac'h verstirbt die schwerreiche 89 Jahre alte Großtante von Inspektor Kadeg. Noch am selben Abend wird dieser auf dem Gelände der familieneigenen Abtei, die zu der irrwitzigen Erbmasse der Tante gehört, niedergeschlagen. Wenig später kommt es zum ersten Mord des Romans. Mehr sei inhaltlich nicht verraten. Der Plot entspinnt sich zwischen Äpfeln und seltenen Vögeln, zwischen felsiger Küste und historischen Gebäuden. Bannalec besticht auch hier wieder durch genaue Ortskenntnis, durch einprägsame Landschaftsbeschreibungen und kulinarische Exkurse.
Was in diesem, dem elften Teil der Reihe besonders auffällt ist jedoch, dass die früheren Fälle des Commissaires häufiger angesprochen werden. Auf diese Weise wird der harte Kern der Leserschaft stärker an die Charaktere gebunden, es klingt jedoch auch durch, dass Jörg Bong mittlerweile doch etwas ins Grübeln gerät, mit welchen neuen Fällen er Dupin noch betrauen kann. Dies macht sich leider auch in der Qualität der Handlung bemerkbar. Gegen Ende des Romans findet sich daher auch folgendes Zitat:
"Dupin hätte schon viel früher darauf kommen können."
Dies ist leider zu unterschreiben. Als gewiefter Krimi-Leser erkennt man die Hintergründe in Bretonische Nächte leider schneller als der Commissaire, wie ich aus Erfahrung sagen kann. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich bestimmte Details erst am Ende aufklären und einige sekundäre Handlungsstränge die Spannung aufrecht erhalten. Ganz zu schweigen von der rauen Atlantikküste und dem Charme des Aber Wrac'h.
Insgesamt spreche ich also trotz allem - wie nicht anders zu erwarten - eine klare Lese- bzw. Hörempfehlung aus. Das Hörbuch wird wieder von Christian Berkel gelesen, der eine wundervolle Nachfolge für Gerd Wameling darstellt. Berkels Französisch ist ebenfalls exzellent, wodurch das Hineinimaginieren in die Bretagne umso leichter fällt. Das über neun Stunden lange Hörbuch habe ich übrigens an zwei Tagen beendet. Soviel zum Dranbleibe-Faktor!
Ich trinke jetzt erst einmal ein bis vier petit cafés und wünsche mich an den Atlantik. In Kiel sind es 30 Grad.
Salut!
JMB
Wo gibt es das schönste Gericht?
- Landgericht Flensburg
Charmant auf dem Museumsberg gelegen, wunderschönes, altes Gebäude. Das Highlight bildet aber der alte Schwurgerichtssaal mit Holztäfelung, einem zweigeschossigen, mit Schnitzereien versehenen Zuschauerraum und Gemälden an den Wänden, zu deren genauerer Bestimmung meine kunsthistorische Laienausbildung nicht reicht. - Amtsgericht Husum
Ebenfalls ein historisches Gebäude - wenn auch quasi dauerhaft im Renovierungszustand. Direkt am Schlosspark gelegen, wunderschöne Buntglasfenster im Treppenhaus. Äußerst muckelige Kantine - generell freundlicher Umgang. Nichts dran auszusetzen! - Amts- und Landgericht Marburg
Allein aus sentimentalen Gründen hat das Marburger Gerichtsgebäude einen Platz in den Top 3 verdient. Ein gruseliger Plattenbau mit stets zugeparktem Innenhof. Aber immerhin an der Universitätsstraße gelegen, mit direktem Zugang ins Südviertel. Das, was hier Wandgemälde genannt wird, ist jedoch im Vergleich mit Flensburger Standards eine Schande für die deutsche Justiz. Aber: Hier begann vor rund sechs Jahren meine Laufbahn als Gerichtsreporter. Kantine hat guten Kaffee, aber grauenvolle Brötchen. - Landgericht Kiel
Ein äußerlich imposanter Bau mit schmucken Ornamenten im Backsteingemäuer. Innen jedoch von brachialer Sachlichkeit mit einem Touch NS-Architektur. Kantine hat gute Brötchen, ausbaufähigen Kaffee, aber dafür Keller-Charme. Wirkt generell noch kafkaesker als die anderen Gebäude. - Schleswig-Holsteinisches Oberverwaltungsgericht in Schleswig
Tolle Lage mit Park und Teich im "Innenhof". Gute Parksituation nicht nur auf diese, sondern auch auf motorisierte Art. Fürchterliche Zuganbindung. Nur zu Corona-Zeiten erlebt, daher alles abgeriegelt. Kein Kaffee. Traurig. - Amtsgericht Rendsburg
Eigentlich ein tolles Gebäude - wäre es nicht so furchtbar gelegen. Keine Parkmöglichkeiten (selbst die Staatsanwältin wurde einmal abgeschleppt!), keine Kantine - keine historischen Säle. Im Moment. Eigentlich wären da durchaus welche, aber durch die jahrelange Renovierung finden die Verhandlungen derzeit in Containern statt. Sagenhaft uncharmant. - Amtsgericht Niebüll
So unspektakulär, dass ich es auf dieser Liste zunächst vergessen hatte. Dabei ist Niebüll ein durchaus hübsches Örtchen - nicht viel los, auch nicht im Amtsgericht. Es ging seinerzeit um Betrug mit Modelleisenbahnen auf Ebay und es war sehr kalt. Das schnöde Backsteingebäude aus der Mitte des 20. Jahrhunderts prägt sich auch nicht direkt ein. - Arbeitsgericht Gießen
Nur einmal hat es mich beruflich nach Gießen verschlagen - zum Glück. Ein Plattenbau, sterbende Grünpflanzen auf den grauen Fluren. Wenig Personal am Eingang - fast nicht gefunden. Muss ich noch mehr sagen? Ach ja: Keine Kantine. - Amtsgericht Itzehoe
Tja. Ist halt Itzehoe, könnte man sagen. Ein verdienter letzter Platz. So ist es auch. Plattenbau, schwer zu finden, schwer zu erreichen. Keine Kantine (zumindest während Corona). Extrem kafkaeske Flure. Niedrige Decken. Alles in allem: Ein Amtsgericht, das nach Itzehoe passt.
JMB
Der Ton macht die Musik
Es ist 6 Uhr 30 am Mittwochmorgen. Noch drei Stunden bis zum Prozessbeginn. Dennoch bin ich schon in der Stadt. Ich steige aus dem Bus, nehme die medizinische Maske ab und setze stattdessen meine kabellosen Kopfhörer auf. Müde wähle ich auf meinem Smartphone eine Playlist aus und überlege, ob ich noch zum Wasser spazieren soll, oder ob ich lieber zum Bäcker gehe, um meiner Müdigkeit mit einem wässrigen Filterkaffee entgegenzuwirken. Die Wahl fällt auf letzteres - und auf das Genre Filmsoundtrack.
Ich stehe an der Ampel vor dem Klinikum, auf meinen Kopfhörern läuft Harry in Winter. Melancholisch blicke ich hinauf in den wolkenverhangenen Himmel, die Ampel wird grün, ich stapfe über die Straße, vorbei an der Post und die Treppen hinab. Rechts von mir, in dem schmutzigen Schaufenster eines schäbigen Ateliers liegt ein Kunstwerk. Im Vorbeigehen betrachte ich das Objekt zunächst flüchtig, dann halte ich inne. Die Violinen beklagen Schneefall auf den Ländereien von Hogwarts, das geschmolzene Glas des Kunstwerks beklagt fehlende Inspiration seiner Erschafferin. Tragisch. Dennoch fesseln die miteinander verwachsenen Essigfläschchen meinen Blick, ziehen mich auf eigenartige Weise an und bringen mich ins Grübeln.
Meine plötzliche Nachdenklichkeit hält nur knapp drei Minuten an. Dann ertönen auf meinen Kopfhörern neue Klänge. Back to MI6. Aus dem James-Bond-Soundtrack zu No Time To Die. Der Griff um meine Aktentasche festigt sich. Meine linke Hand tastet nach dem Smartphone in der Innentasche meines Sakkos. Hastigeren Schrittes biege ich um eine Ecke, blicke nun auf den Ratsdienergarten. Der kühle Wind treibt Blätter über den Bürgersteig - sie sind noch aus dem vergangenen Herbst liegengeblieben. Wie kann das sein, wenn doch jeden Morgen diese kleinen, hungrigen Straßenfegerkutschen ihre Runden ziehen? Mein Sakko weht mir plötzlich um den Leib, die Blätter sind verschwunden.
Im Ratsdienergarten haben sich etwa einhundert Gänse niedergelassen. Sie brüten nicht, sie rasten nur. Zwei Wege führen durch die Gänseschar. James Bond macht Platz für Jack Sparrow: The Medaillon Calls. Ich wähle den linken Pfad, weitgehend vorbei am ruhenden Geflügel. Dennoch beginnen einige der grauen Vögel aufgeregt mit den Flügeln zu schlagen, als wollten sie mich verscheuchen. Vögel, die scheuchen? Sollte das nicht umgekehrt laufen? Ich beschleunige meine Schritte weiter, trippele durch den schmalen Korridor zwischen sechs Gänsen, die den Steinpfad umvölkern. Um eine Biegung, dann stehe ich vor einem Meer aus Federn. Die Vögel sind um mich herumgewandert und versperren nun diesen Teil des Weges. Ich bin umzingelt. Kurz überblicke ich die Lage, dann schreite ich entschlossen den Weg entlang und teile die See aus Gänsen.
Zu den heroischen Trompetenklängen von Klaus Badelts Meisterwerk Pirates of the Caribbean betrete ich die Bäckerei und tausche erneut Kopfhörer und Maske. Der Held, der die Gänseschar teilte, stirbt. Es läuft seichter Deutschpop. Vermutlich Mark Forster. Was habe ich die letzte Viertelstunde eigentlich gemacht? Ich bin zwei Straßen entlang und dann durch einen Park gelaufen. Nicht besonders heroisch. Aber der Ton macht die Musik.
Es ist 6 Uhr 45. Ich bestelle einen Filterkaffee. Er ist so wässrig, dass ich den Boden der Tasse ohne Probleme erkennen kann. Noch zwei-dreiviertel Stunden bis zum Prozessbeginn.
Gehört habe ich übrigens die Playlist "The Game is on", die ihr auf der Seite KrimiKammer-Soundtrack findet!
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