Es ist 6 Uhr 30 am Mittwochmorgen. Noch drei Stunden bis zum Prozessbeginn. Dennoch bin ich schon in der Stadt. Ich steige aus dem Bus, nehme die medizinische Maske ab und setze stattdessen meine kabellosen Kopfhörer auf. Müde wähle ich auf meinem Smartphone eine Playlist aus und überlege, ob ich noch zum Wasser spazieren soll, oder ob ich lieber zum Bäcker gehe, um meiner Müdigkeit mit einem wässrigen Filterkaffee entgegenzuwirken. Die Wahl fällt auf letzteres - und auf das Genre Filmsoundtrack.
Ich stehe an der Ampel vor dem Klinikum, auf meinen Kopfhörern läuft Harry in Winter. Melancholisch blicke ich hinauf in den wolkenverhangenen Himmel, die Ampel wird grün, ich stapfe über die Straße, vorbei an der Post und die Treppen hinab. Rechts von mir, in dem schmutzigen Schaufenster eines schäbigen Ateliers liegt ein Kunstwerk. Im Vorbeigehen betrachte ich das Objekt zunächst flüchtig, dann halte ich inne. Die Violinen beklagen Schneefall auf den Ländereien von Hogwarts, das geschmolzene Glas des Kunstwerks beklagt fehlende Inspiration seiner Erschafferin. Tragisch. Dennoch fesseln die miteinander verwachsenen Essigfläschchen meinen Blick, ziehen mich auf eigenartige Weise an und bringen mich ins Grübeln.
Meine plötzliche Nachdenklichkeit hält nur knapp drei Minuten an. Dann ertönen auf meinen Kopfhörern neue Klänge. Back to MI6. Aus dem James-Bond-Soundtrack zu No Time To Die. Der Griff um meine Aktentasche festigt sich. Meine linke Hand tastet nach dem Smartphone in der Innentasche meines Sakkos. Hastigeren Schrittes biege ich um eine Ecke, blicke nun auf den Ratsdienergarten. Der kühle Wind treibt Blätter über den Bürgersteig - sie sind noch aus dem vergangenen Herbst liegengeblieben. Wie kann das sein, wenn doch jeden Morgen diese kleinen, hungrigen Straßenfegerkutschen ihre Runden ziehen? Mein Sakko weht mir plötzlich um den Leib, die Blätter sind verschwunden.
Im Ratsdienergarten haben sich etwa einhundert Gänse niedergelassen. Sie brüten nicht, sie rasten nur. Zwei Wege führen durch die Gänseschar. James Bond macht Platz für Jack Sparrow: The Medaillon Calls. Ich wähle den linken Pfad, weitgehend vorbei am ruhenden Geflügel. Dennoch beginnen einige der grauen Vögel aufgeregt mit den Flügeln zu schlagen, als wollten sie mich verscheuchen. Vögel, die scheuchen? Sollte das nicht umgekehrt laufen? Ich beschleunige meine Schritte weiter, trippele durch den schmalen Korridor zwischen sechs Gänsen, die den Steinpfad umvölkern. Um eine Biegung, dann stehe ich vor einem Meer aus Federn. Die Vögel sind um mich herumgewandert und versperren nun diesen Teil des Weges. Ich bin umzingelt. Kurz überblicke ich die Lage, dann schreite ich entschlossen den Weg entlang und teile die See aus Gänsen.
Zu den heroischen Trompetenklängen von Klaus Badelts Meisterwerk Pirates of the Caribbean betrete ich die Bäckerei und tausche erneut Kopfhörer und Maske. Der Held, der die Gänseschar teilte, stirbt. Es läuft seichter Deutschpop. Vermutlich Mark Forster. Was habe ich die letzte Viertelstunde eigentlich gemacht? Ich bin zwei Straßen entlang und dann durch einen Park gelaufen. Nicht besonders heroisch. Aber der Ton macht die Musik.
Es ist 6 Uhr 45. Ich bestelle einen Filterkaffee. Er ist so wässrig, dass ich den Boden der Tasse ohne Probleme erkennen kann. Noch zwei-dreiviertel Stunden bis zum Prozessbeginn.
Gehört habe ich übrigens die Playlist "The Game is on", die ihr auf der Seite KrimiKammer-Soundtrack findet!
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