"Es war zu verrückt. Aber das musste nichts heißen. Für die Wirklichkeit war das kein Kriterium."
Verrückt ist es schon, wenn Commissaire George Dupin aus Concarneau plötzlich an der Nordküste des Finistère ermitteln muss, weil einer seiner Inspektoren niedergeschlagen wurde. Böse Zungen könnten es unrealistisch nennen. Aber wer will sich beschweren, wenn Jean-Luc Bannalec von der Côte des Abers schwärmt. Ich sicher nicht, ist die Gegend, in die es Dupin in Bretonische Nächte verschlägt doch ausgerechnet der Teil der Bretagne, in der ich bei meinen Besuchen im Finistère meinen Urlaub verbracht habe.
Ausgerechnet am Aber Wrac'h verstirbt die schwerreiche 89 Jahre alte Großtante von Inspektor Kadeg. Noch am selben Abend wird dieser auf dem Gelände der familieneigenen Abtei, die zu der irrwitzigen Erbmasse der Tante gehört, niedergeschlagen. Wenig später kommt es zum ersten Mord des Romans. Mehr sei inhaltlich nicht verraten. Der Plot entspinnt sich zwischen Äpfeln und seltenen Vögeln, zwischen felsiger Küste und historischen Gebäuden. Bannalec besticht auch hier wieder durch genaue Ortskenntnis, durch einprägsame Landschaftsbeschreibungen und kulinarische Exkurse.
Was in diesem, dem elften Teil der Reihe besonders auffällt ist jedoch, dass die früheren Fälle des Commissaires häufiger angesprochen werden. Auf diese Weise wird der harte Kern der Leserschaft stärker an die Charaktere gebunden, es klingt jedoch auch durch, dass Jörg Bong mittlerweile doch etwas ins Grübeln gerät, mit welchen neuen Fällen er Dupin noch betrauen kann. Dies macht sich leider auch in der Qualität der Handlung bemerkbar. Gegen Ende des Romans findet sich daher auch folgendes Zitat:
"Dupin hätte schon viel früher darauf kommen können."
Dies ist leider zu unterschreiben. Als gewiefter Krimi-Leser erkennt man die Hintergründe in Bretonische Nächte leider schneller als der Commissaire, wie ich aus Erfahrung sagen kann. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich bestimmte Details erst am Ende aufklären und einige sekundäre Handlungsstränge die Spannung aufrecht erhalten. Ganz zu schweigen von der rauen Atlantikküste und dem Charme des Aber Wrac'h.
Insgesamt spreche ich also trotz allem - wie nicht anders zu erwarten - eine klare Lese- bzw. Hörempfehlung aus. Das Hörbuch wird wieder von Christian Berkel gelesen, der eine wundervolle Nachfolge für Gerd Wameling darstellt. Berkels Französisch ist ebenfalls exzellent, wodurch das Hineinimaginieren in die Bretagne umso leichter fällt. Das über neun Stunden lange Hörbuch habe ich übrigens an zwei Tagen beendet. Soviel zum Dranbleibe-Faktor!
Ich trinke jetzt erst einmal ein bis vier petit cafés und wünsche mich an den Atlantik. In Kiel sind es 30 Grad.
Salut!
JMB





