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Fitzek: Die Therapie (2006) - Kommentar

"Wer gleich zu Beginn seines Erstlingsromans zwei Zitate voranstellt, wird es weit bringen."
- Kein Literaturkritiker, jemals.
Dennoch hat es Sebastian Fitzek weit gebracht. Die Therapie war Nummer 1 auf der Spiegel-Bestsellerliste, verkaufte sich (laut Wikipedia) acht Millionen mal. Fitzek gilt - soviel weiß ich aus Gesprächen mit Kommilitonen an der Uni, Freunden, Familie und auch Kollegen aus dem Journalismus, nicht zuletzt aber auch aus diversen fachspezifischen Artikeln - als einer der, wenn nicht der beste Autor von Psychothrillern der jüngeren Literatur. Diverse Preise zieren die Biografie Fitzeks, dennoch bleibt auch (wie bei fast allen hoch gehandelten Autoren) auch Kritik nicht aus. Die Debatte um Fitzeks Talent vollständig abzubilden, würde hier jeodoch zu weit führen, will ich doch eigentlich über seinen Debütroman schreiben, den ich mir nun endlich zu Gemüte geführt habe. Wie so oft griff ich dabei auf Audible zurück. Dort kann man eine ungekürzte Lesung von Simon Jäger relativ günstig erstehen, sofern man über ein Abonnement verfügt. Und diese Lesung hat es, soviel sei vorweg genommen, in sich. Jäger, der mir vor allem als Synchronstimme von Heath Ledger als der Joker bekannt ist, schafft es, die Figuren so unfassbar glaubhaft zu intonieren und selbst die Dialekt-Einschläge des berlinernden Privatdetektivs Kai Strathmann oder des friesischen Inselbürgermeisters Patrick Halberstedt zu imitieren, dass die Personen im Kopf des Lesers extrem real werden. Welch Ironie. 
Fitzek baut in Die Therapie sehr intensive Spannung auf und greift dennoch mit einer Rahmenhandlung partiell immer wieder vorweg, indem er den Protagonisten Viktor Larenz in einer Klinik nacherzählen lässt, was sich auf der Insel Parkum zugetragen habe. Der Konjunktiv ist hier bewusst gewählt, da die Erzählung Larenz' allein aus dem Gedächtnis erfolgt. Was dem jedoch entgegen gesetzt wird, ist der geradezu provokant allwissende Erzähler, der immer wieder mit Sätzen wie "An dieser Stelle hätte es Viktor eigentlich schon auffallen können, dass ..." das Miträtseln seitens des Rezipienten anregt. Tatsächlich kann man als lesende oder hörende Person, die sich regelmäßig mit Psychologie und/oder Kriminalliteratur beschäftigt auf Grund der dargelegten Fakten prinzipiell das Ende erraten - jedoch kommt der eine oder andere Plottwist letztendlich doch so überraschend, dass die fast schon arrogante Erzählweise nicht störend, sondern eher realistisch im Kontext der Psychotherapie als Themenfeld wirkt.
Die Erzählperspektive, die Zeitsprünge und die erfrischend andersartige Handlung sorgen dafür, dass nur wenig negatives bezüglich Die Therapie im Gedächtnis bleibt. Allerdings fehlte es Fitzek 2006 offenbar noch an Handwerkszeug: Gleich mehrere Tempusfehler fallen auf, die aber keinen  echten Stolperstein bei der Lektüre eines so fesselnden Romans bilden. Zudem beruhigt mich als frischer Fitzek-Fan, dass der Spiegel ihn 2014 in Person Lektorin Maren Kellers ob seines Schreibstils erneut lobt.
Definitiv werde ich der Reihe nach nun weitere Fitzek-Romane hören - Simon Jäger hat zu meiner Überzeugung nicht unwesentlich beigetragen. Unweigerlich werden dann in Zukunft auch weitere Rezensionen bezüglich Fitzek auf KrimiKammer landen. Vielleicht auch eine kleine Diskussion über dessen Werdegang - insbesondere seine Wurzeln im Journalismus? Mal sehen.
Bis dahin wünsche ich euch einen schönen Rest-Sonntag - oder Rest-Tag, an welchem ihr diese kleine Kritik lest!
Melchior

Bannalec: Bretonische Flut (2016) - Kritik

Ist es vermessen zu sagen, Bretonische Flut habe alles? Spannung, klassische Krimi-Elemente (Element Of Crime? Lustig...), Struktur, wie auch in gewissem Maße Strukturlosigkeit, Dialoge, Monologe - und wie immer malerische Landschaften - nein, es ist nicht vermessen. Schon während des Hör-Prozesses - auf Spotify, wie immer bei Bannalec - hatte ich das Gefühl, dass dies der bis dato beste Bretagne-Krimi ist. Nach dem eher mäßigen vierten Teil, Bretonischer Stolz, schafft Jörg Bong (alias Jean-Luc Bannalec) das, was nur sehr wenige Schriftsteller schaffen: Er kommt besser denn je zurück.
Einsteigend in die Materie versuche ich mich eigentlich stets an einer Einordnung in ein Untergenre der Kriminalliteratur. Dies fällt selten leicht und gelingt oft nur mit Abstufungen. Bei Bretonische Flut ist es denkbar simpel: Ausgehend von den klassischen Merkmalen der simultanen Aufklärung von Kapitalverbrechen - insbesondere Mord - und des Ermittelnden als Protagonisten handelt es sich hier um einen Bilderbuch-Thriller. Also ohne Bilder selbstverständlich. Allerdings wie immer bei Bannalec mit großartig bildhafter Sprache, die dem Leser, bzw. dem Hörer, die Bretagne direkt und naturgetreu vor das innere Auge projiziert. Man könnte sagen, für Krimi-Fans sei Bannalec, was Rosamunde Pilcher für Kitsch-Freunde ist. An dieser Stelle gilt es übrigens kurz dem Werk und Leben dieser ikonischen Vollblutautorin zu gedenken. Aus literarischer Sicht ist der Tod dieser beeindruckenden Frau ein herber Verlust.
Kommen wir jedoch wieder zum heute zu besprechenden Werk zurück. Vielleicht hat mich Kommissar Dupins fünfter Fall deshalb so sehr fasziniert, weil das Meer - eine meiner großen Leidenschaften abseits der Kriminalliteratur - eine tragende Rolle spielt. Im wahrsten Sinne des Wortes, da überaus viele Passagen des Romans an Bord diverser Boote spielen. Auch, dass erneut die Rede von spektakulären Schätzen und der bretonischen Sagenwelt ist, spielt für meinen äußerst positiven Eindruck sicherlich eine Rolle.
Zusammenfassend lässt sich wie immer sagen: Am besten, Ihr lest es selbst. Oder hört Gerd Wameling (kostenlos!) auf Spotify dabei zu, wie er Jörg Bongs Figuren zum Leben erweckt. Hauptsache ihr schaut nicht die Filme. Aber das ist eine andere Geschichte. 
Liebe Grüße und einen schönen Frühlingsanfang euch allen!
Melchior

Carter: Der Knochenbrecher (2012) - Kritik/Kommentar

"Ich lese viel" - Detective Robert Hunter.
Vielseitig gebildet, hart gesotten, auf eigenartig unaufgeregte Weise exzentrisch: Detective Robert Hunter aus der Hunter/Garcia-Reihe von Chris Carter ist der Prototyp des genialen Detektivs aus einem modernen Thriller. Und genau das macht die Reihe so interessant. Ein Protagonist mit dem Format eines Hercule Poirot oder Sherlock Holmes, der dabei aber selbst viel mehr in die Handlung eingreift, Polizeiarbeit verrichtet und sich mit Schlafproblemen herumplagt, wirkt wie die Neuauflage jener klassischer Figuren, verfrachtet in das harte 21. Jahrhundert in der brutalen Realität der Großstadt Los Angeles.
Chris Carter, selbst wie Hunter forensischer Psychologe, weiß, wie man Spannung aufbaut und Charaktere glaubhaft erscheinen lässt. Die Fälle des Morddezernats 1 des LAPD sind von besonderer Brutalität - und das sorgt jedes Mal für einen besonderen Spannungsschub gleich zu Anfang. Ein Serienkiller plus zugenähte Körperöffnungen klingt schon enorm vielversprechend. Zudem greift Carter gleich zu Beginn von Der Knochenbrecher zu einem echten Hammer, indem er einen der Stammgäste der vorherigen Bände auf grausame Weise sterben lässt. So macht der ehemalige Rock-Gitarrist klar: Hier wird niemand verschont, es kann jeden treffen. Mit dieser Information wird die rasante Handlung rund um die Entführungen und Ermordungen junger Frauen noch viel packender - ein geschickter, wie auch absolut gnadenloser Schachzug.
Dennoch hat mich dieser Carter-Thriller nicht so gepackt, wie es zuvor Der Kruzifix-Killer, Der Vollstrecker oder mein Einstieg Der Totmacher geschafft haben. Das hat einen sehr banalen Grund: Ich habe die ganze Zeit erwartet, dass die Handlung noch eine Wendung hat - nämlich, dass jemandem die Knochen gebrochen werden. Diesen Plottwist gibt es (Achtung, harmloser Spoiler) nicht. Es gibt zwar ein, zwei gebrochene Knochen, doch diese sind kaum Story-Relevant. Wie schon bei Deavers Der Komponist ist auch bei  Der Knochenbrecher der Titel sehr ungelenk übersetzt. Während allerdings bei The Burial Hour der Schwerpunkt der Übersetzung auf einen anderen Aspekt des Romans gelegt wurde, fehlt dieser elementare Bestandteil eines guten Thriller-Titels bei Der Knochenbrecher vollständig: Keine brechenden Knochen, wohl aber ein Night Stalker - so lautet der Originaltitel. Mein Rat als Leser: Belasst doch die Titel in solchen Fällen einfach beim Original. Weniger irreführend - und als Carter-Konsument braucht man ohnehin gute Englischkenntnisse. Fast so dringend wie einen stabilen Magen.
Als Fan richtig brutaler psychologischer Thriller kommt man bei Der Knochenbrecher aber auf seine Kosten. Ich bin zufrieden. Als Hörbuch findet man den Titel übrigens bei Audible - gelesen von Uve Teschner. Eine wirklich gute, düstere Lesung - nur zu empfehlen.

Als nächstes auf meiner To-Listen-Liste steht übrigens Bretonische Flut von Jean-Luc Bannalec! Wird dann natürlich hier rezensiert!
Melchior

"Der Eindringling": Warum der neue Thriller von Jeffery Deaver brandaktuell ist

Ende 2023 ist endlich wieder ein neuer Thriller aus der Feder Jeffery Deavers erschienen - auch auf Deutsch. Ich habe mir das Hörbuch gekauf...