KrimiKammer
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"Der Eindringling": Warum der neue Thriller von Jeffery Deaver brandaktuell ist
"Ein ungewöhnlicher Held" | Gil Ribeiro: Lost in Fuseta | Rezension
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| Die Fuseta-Krimis. |
Bannalec: Bretonischer Ruhm (2023) | Rezension
"Dupin war unzufrieden. Er hatte in diesem Fall noch immer keinen Boden unter den Füßen. Er stocherte blind umher."
Ein wilder Fall, der sich uns Bretagne-Krimi-Fans da diesmal präsentiert. Commissaire Dupins Zwölfter ist eine besondere Eskapade. Das Setting: Dupin und Claire sind in den Flitterwochen am Lac de Grand-Lieu – also in der Loire-Region – unterwegs.
Ist das überhaupt noch die Bretagne? Diese Frage stellt sich gleich zu Beginn und wird natürlich mit "ja" beantwortet. Kein Wunder: Mittlerweile würden treue Leser es Bannalec, bzw. Jörg Bong, auch abkaufen, wenn er ihnen erklären würde, dass Dupin demnächst in Bielefeld ermittelt. "Bielefeld ist schließlich legendenumsponnen – und das ist urbretonisch", würde dann wohl Inspektor Riwal sagen. Oder so.
Lange Rede, gar kein Sinn: Die Handlung spielt mal wieder fern ab von Concarneau. Und was uns da an Handlung aufgetischt wird, ist wirklich eine abenteuerliche Geschichte. Der Ex-Lebensgefährte einer Freundin von Claire wird ermordet und Dupin ermittelt im Wettstreit mit dem Kollegen aus Nantes undercover. Abenteuerlich.
Und vollkommen unglaubwürdig. Aber irgendwie schafft es Jörg Bong dann doch wieder, diesen ganz besonderen Spannungsbogen aus dem Nichts zu zaubern. Die Bannalec-eigenen Charaktere, die unfassbar dicht gezeichneten Szenen, die Atmosphäre – Bong hat mit Bretonischer Ruhm eigentlich eine überlange, fiktionale Reportage geschrieben.
Der journalistische Background des Autors zeigt sich auch in den kulinarisch-kritischen Eskapaden – und dem erstaunlich gut aufgearbeiteten Kernthema des Romans: dem Loire-Wein, insbesondere dem Muscadet. Mich jedenfalls hat der Wein als Objekt des Interesses angefixt. Und auch für den in diesem Teil durchgängig leicht angesäuselten Ermittler gilt: in vino veritas. Mehr sei nicht verraten.
Für mich ist Bretonischer Ruhm trotz der unglaubwürdigen Fallkonstruktion ein wirklich gelungener Roman – weniger ein Krimi. Leseempfehlung, bzw. besonders Hörempfehlung gilt wie immer.
Salut!
JMB
Das Quartett ist komplett
"Wir sehen uns vor Gericht", ist für die wenigsten Menschen ein erfreulicher Satz. Für mich jedoch bedeuten diese oft so unheilschwanger gesprochenen Worte vor allem eines: Alltag.
Als freier Gerichtsreporter habe ich mich über die Jahre in dem einen oder anderen Land- oder Amtsgericht – und sogar zwei Verwaltungsgerichten – herumgetrieben. Nun, da ich nicht mehr selbstständig bin, ist mein Bewegungsradius etwas eingeschränkter. Dennoch ist es mir gelungen, ein seit langem gehegtes Ziel abzuhaken, für das ich ein bisschen reisen musste.
Schleswig-Holstein – meine Wahlheimat – hat vier Landgerichte (und ein Oberlandesgericht, aber das klammern wir jetzt mal aus). Und diese vier Landgerichte habe ich alle mindestens einmal besucht. Ich habe aus Prozessen in den Landgerichten Flensburg, Kiel, Itzehoe und jetzt auch Lübeck berichtet.Meine daher hoch qualifizierte Meinung als ästhetisch denkender Mensch: Das Landgericht Flensburg ist mit Abstand das schönste. Es folgen in absteigender Reihenfolge: Kiel, Lübeck, Itzehoe. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber wer mir hier nicht zustimmt, hat keinen Sinn für Architektur.Das nächste Ziel, das es jetzt zu verfolgen gilt, ist übrigens: Alle Amtsgerichte in Schleswig-Holstein besuchen – insgesamt 22 an der Zahl. Der aktuelle Stand: Sechs. Da ist also noch Luft nach oben. Jüngst konnte ich allerdings Ahrensburg abhaken!Ode an mein Instrument
"Wachschlaf der Gerechten" oder: Der Schiebetermin
Eigentlich sind es Stunden, die man als Gerichtsreporter in den oft stickigen, trostlosen und nicht selten abgrundtief hässlichen Sälen zubringt. Heute jedoch ist ein sogenannter Schiebetermin angesetzt in dem bereits seit zehn Verhandlungstagen andauernden Prozess. Von einem Schiebetermin sprechen Jurist*innen, wenn sie einen Tag meinen, der für den Fort- und Ausgang des Verfahrens inhaltlich höchstens marginal relevant, prozessual jedoch von immenser bürokratischer Wichtigkeit ist.
Bannalec: Bretonische Nächte (2022) | Rezension
"Es war zu verrückt. Aber das musste nichts heißen. Für die Wirklichkeit war das kein Kriterium."
Verrückt ist es schon, wenn Commissaire George Dupin aus Concarneau plötzlich an der Nordküste des Finistère ermitteln muss, weil einer seiner Inspektoren niedergeschlagen wurde. Böse Zungen könnten es unrealistisch nennen. Aber wer will sich beschweren, wenn Jean-Luc Bannalec von der Côte des Abers schwärmt. Ich sicher nicht, ist die Gegend, in die es Dupin in Bretonische Nächte verschlägt doch ausgerechnet der Teil der Bretagne, in der ich bei meinen Besuchen im Finistère meinen Urlaub verbracht habe.
Ausgerechnet am Aber Wrac'h verstirbt die schwerreiche 89 Jahre alte Großtante von Inspektor Kadeg. Noch am selben Abend wird dieser auf dem Gelände der familieneigenen Abtei, die zu der irrwitzigen Erbmasse der Tante gehört, niedergeschlagen. Wenig später kommt es zum ersten Mord des Romans. Mehr sei inhaltlich nicht verraten. Der Plot entspinnt sich zwischen Äpfeln und seltenen Vögeln, zwischen felsiger Küste und historischen Gebäuden. Bannalec besticht auch hier wieder durch genaue Ortskenntnis, durch einprägsame Landschaftsbeschreibungen und kulinarische Exkurse.
Was in diesem, dem elften Teil der Reihe besonders auffällt ist jedoch, dass die früheren Fälle des Commissaires häufiger angesprochen werden. Auf diese Weise wird der harte Kern der Leserschaft stärker an die Charaktere gebunden, es klingt jedoch auch durch, dass Jörg Bong mittlerweile doch etwas ins Grübeln gerät, mit welchen neuen Fällen er Dupin noch betrauen kann. Dies macht sich leider auch in der Qualität der Handlung bemerkbar. Gegen Ende des Romans findet sich daher auch folgendes Zitat:
"Dupin hätte schon viel früher darauf kommen können."
Dies ist leider zu unterschreiben. Als gewiefter Krimi-Leser erkennt man die Hintergründe in Bretonische Nächte leider schneller als der Commissaire, wie ich aus Erfahrung sagen kann. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich bestimmte Details erst am Ende aufklären und einige sekundäre Handlungsstränge die Spannung aufrecht erhalten. Ganz zu schweigen von der rauen Atlantikküste und dem Charme des Aber Wrac'h.
Insgesamt spreche ich also trotz allem - wie nicht anders zu erwarten - eine klare Lese- bzw. Hörempfehlung aus. Das Hörbuch wird wieder von Christian Berkel gelesen, der eine wundervolle Nachfolge für Gerd Wameling darstellt. Berkels Französisch ist ebenfalls exzellent, wodurch das Hineinimaginieren in die Bretagne umso leichter fällt. Das über neun Stunden lange Hörbuch habe ich übrigens an zwei Tagen beendet. Soviel zum Dranbleibe-Faktor!
Ich trinke jetzt erst einmal ein bis vier petit cafés und wünsche mich an den Atlantik. In Kiel sind es 30 Grad.
Salut!
JMB
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