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"Der Eindringling": Warum der neue Thriller von Jeffery Deaver brandaktuell ist

Ende 2023 ist endlich wieder ein neuer Thriller aus der Feder Jeffery Deavers erschienen - auch auf Deutsch. Ich habe mir das Hörbuch gekauft, gelesen wie immer von Dietmar Wunder, und liefere euch pflichtbewusst hier eine Rezension. Aber zunächst zum Inhalt.

Ermittlung mit Hindernissen

Ein Mann dringt in Wohnungen von Social-Media-Stars ein. So weit, so unspektakulär. Doch der Eindringling hinterlässt Zeitungen, auf die er eine Botschaft samt seiner Signatur hinterlässt: "Der Schlosser". Ein Krimineller mit klangvollem Pseudonym? Natürlich ein Fall für Ex-NYPD-Captain Lincoln Rhyme. Normalerweise arbeitet der Forensiker, der seit einem Unfall auf einen Rollstuhl angewiesen ist, als Berater für die Polizei. Diesmal jedoch stellen sich für Rhyme besondere Umstände ein, die seine Ermittlungen verkomplizieren: Das NYPD verbietet aufgrund einer verpatzten Gerichtsverhandlung die Zusammenarbeit mit externen Beratern. 

Der Fall selbst ist in den moralischen Untiefen der Boulevard-Medien angesiedelt. Rhyme und seine Partnerin Amelia Sachs treffen auf einen geläuterten alten Zeitungsmogul, Influencerinnen, Verschwörungstheoretiker. Eine große Rolle spielen auch bewusst in Umlauf gebrachte Fake News. Wie bei Deaver fast immer der Fall, spricht der Täter selbst als Ich-Erzähler zu seinem Publikum. Dabei offenbart er sich fast sofort als Inhaltsmoderator einer Social-Media-Plattform.

Deaver trifft den Zahn der Zeit

Und damit trifft Deaver einen Nerv: Während X (ehemals Twitter) noch weiter nach rechts rutscht als es ohnehin schon war, machen Fake News und Populismus auch auf Instagram und Co. die Runde. Und mit dem Motiv eines Killers, der sich dies zunutze macht und so auf einer Tour des Schreckens durch New York City zieht, greift Deaver die dahinterstehende gesellschaftliche Entwicklung so subtil wie effektiv auf.

"Der Eindringling" ist Lincoln Rhymes 15. Fall und dabei der erste Roman Deavers, der in meinen Augen mehr ist als ein wirklich guter Thriller. Nicht zuletzt, weil der US-Autor diesmal auch erneut den gesellschaftlichen Blick auf und die Stigmatisierung von Menschen mit Behinderung aufgreift - mit mehr Pathos als je zuvor. Es entsteht nachdrücklich der Eindruck, dass Jeffery Deaver dieses Mal etwas loswerden wollte.

Qualitätsverlust ist nicht zu befürchten

Nicht selten bedeuten derartige Anwandlungen, dass ein Autor den eigentlichen Plot als nicht mehr so wichtig erachtet, sondern vielmehr gesellschaftspolitische Auffassungen zu Papier bringen möchte. Deaver wäre angesichts des Erfolgs, den seine Bücher haben, sicher in der Position, so zu handeln. Doch die Qualität des Plots hat keineswegs abgenommen - und auch eine zukünftige Fortsetzung der Reihe erscheint angesichts des nach wie vor schwelenden Storydrivers "Rhyme vs. Uhrmacher" sehr wahrscheinlich.

Und: Das ist wünschenswert. Für "Der Eindringling" gilt, wie für die gesamte Rhyme-Reihe, eine klare Lese respektive Hör-Empfehlung!
jmb

"Ein ungewöhnlicher Held" | Gil Ribeiro: Lost in Fuseta | Rezension

IN EIGENER SACHE: KrimiKammer wächst! Dies ist der erste Beitrag unserer neuen Redakteurin. Dr. Kathrin Bonacker ist Kulturwissenschaftlerin, Archivarin und Autorin. Ich persönlich freue mich sehr, sie im Team zu haben - nicht zuletzt (und das sei im Sinne der Transparenz verraten) weil sie meine Mutter ist. Doch auch abgesehen von dem schamlosen Nepotismus dieser kleinen Redaktion: Wir haben eine hervorragende Autorin mehr. Ab sofort werden Beiträge von Kathrin Bonacker mit dem Kürzel kb unterzeichnet, meine Beiträge dagegen weiterhin mit jmb. Salut!
Jan Melchior Bonacker


Band 1 hatte ich schon lange geschenkt bekommen. Reingeguckt und zunächst wieder weggelegt. Es ging damals nicht gleich an mich, und ich hatte bei der Beschreibung der Hauptfigur offenbar nicht genau zugehört. Dann stand eine Reise nach Portugal an und ich dachte: wenn, dann jetzt. Nach den ersten paar Seiten hatte ich schon mehrfach gekichert und begann die Protagonistinnen und Protagonisten ins Herz zu schließen. Am Ende meiner Kurzreise war das Buch gelesen, und ich beschloss noch im Zug am nächsten Tag Band 2 in der Buchhandlung meines Vertrauens zu besorgen. So ging das nahtlos durch bis zum bisher letzten sechsten Band.

Die Fuseta-Krimis.
Vielleicht zunächst zur erwähnten Hauptfigur. Leander Lost, Beamter der Hamburger Kripo, wird in einem europäischen Austauschprogramm nach Fuseta versetzt – für ein Jahr sollen sich die Ermittelnden da und dort mit den Methoden der Kolleginnen und Kollegen vertraut machen. Herr Lost, seltsam bekleidet und von ebenso seltsamem Benehmen, stößt die portugiesische Belegschaft während der gemeinsamen Ermittlungen komplett vor den Kopf. Er ist pedantisch, genau und ehrlich bis zur Brutalität. Warum das so ist, und wieso er schließlich doch als einer der ihren liebevoll aufgenommen wird, ist mindestens ebenso spannend wie die bisherigen sechs Kriminalfälle. Die polizeilichen Vorgehensweisen und Zugeständnisse an die örtlichen, nicht immer optimalen Gegebenheiten werden dabei sehr dicht geschildert, die Personen gewinnen Konturen und vor allem deren Umgang miteinander entwickelt sich.

Ehrlich, wegen der Fälle, die zwar interessant und sehr unterschiedlich sind, hätte ich die Serie nicht unbedingt gelesen, thematisch bevorzuge ich eher historische Krimis. Es gibt in und um Ribeiros Fuseta alle
möglichen Tatort-Elemente (also fiese Großindustrielle, Drogenmafia, Schießereien und sogar eine Autobombe, Verfolgungsjagden und Ermittlungen zu Land und zu Wasser, motorisiert und zu Fuß), aber vor allem Teamarbeit, Umgang mit Zickereien und Eitelkeiten, Familiäres und sogar die eine oder andere Lovestory. Und besonders dieses oft mit Witz erzählte Menscheln und auch die - vielleicht manchmal etwas pathetische – Schilderung der Algarve, ihrer Lebensart und Küche haben mich komplett in den Bann gezogen. Der kleine (real existierende) Ort Fuseta liegt etwa 300 Kilometer südlich von Lissabon an Portugals malerischer Südküste, und nach der Lektüre ist das Gefühl dazu ein bisschen einwohnerisch.

P.S.: Es gibt auch eine Verfilmung (bisher erschien der erste Band in zwei Teilen), die ist gar nicht schlecht gemacht. Denn – und das ist meines Erachtens immer das A und O – die Besetzung ist stimmig. Trotzdem: einfach erst mal lesen und dann mit mir auf den siebten Band warten.
kb

Bannalec: Bretonischer Ruhm (2023) | Rezension

"Dupin war unzufrieden. Er hatte in diesem Fall noch immer keinen Boden unter den Füßen. Er stocherte blind umher."

Ein wilder Fall, der sich uns Bretagne-Krimi-Fans da diesmal präsentiert. Commissaire Dupins Zwölfter ist eine besondere Eskapade. Das Setting: Dupin und Claire sind in den Flitterwochen am Lac de Grand-Lieu – also in der Loire-Region – unterwegs. 

Ist das überhaupt noch die Bretagne? Diese Frage stellt sich gleich zu Beginn und wird natürlich mit "ja" beantwortet. Kein Wunder: Mittlerweile würden treue Leser es Bannalec, bzw. Jörg Bong, auch abkaufen, wenn er ihnen erklären würde, dass Dupin demnächst in Bielefeld ermittelt. "Bielefeld ist schließlich legendenumsponnen – und das ist urbretonisch", würde dann wohl Inspektor Riwal sagen. Oder so.

Lange Rede, gar kein Sinn: Die Handlung spielt mal wieder fern ab von Concarneau. Und was uns da an Handlung aufgetischt wird, ist wirklich eine abenteuerliche Geschichte. Der Ex-Lebensgefährte einer Freundin von Claire wird ermordet und Dupin ermittelt im Wettstreit mit dem Kollegen aus Nantes undercover. Abenteuerlich.

Und vollkommen unglaubwürdig. Aber irgendwie schafft es Jörg Bong dann doch wieder, diesen ganz besonderen Spannungsbogen aus dem Nichts zu zaubern. Die Bannalec-eigenen Charaktere, die unfassbar dicht gezeichneten Szenen, die Atmosphäre – Bong hat mit Bretonischer Ruhm eigentlich eine überlange, fiktionale Reportage geschrieben. 

Der journalistische Background des Autors zeigt sich auch in den kulinarisch-kritischen Eskapaden – und dem erstaunlich gut aufgearbeiteten Kernthema des Romans: dem Loire-Wein, insbesondere dem Muscadet. Mich jedenfalls hat der Wein als Objekt des Interesses angefixt. Und auch für den in diesem Teil durchgängig leicht angesäuselten Ermittler gilt: in vino veritas. Mehr sei nicht verraten.

Für mich ist Bretonischer Ruhm trotz der unglaubwürdigen Fallkonstruktion ein wirklich gelungener Roman – weniger ein Krimi. Leseempfehlung, bzw. besonders Hörempfehlung gilt wie immer.

Salut!

JMB

Das Quartett ist komplett

"Wir sehen uns vor Gericht", ist für die wenigsten Menschen ein erfreulicher Satz. Für mich jedoch bedeuten diese oft so unheilschwanger gesprochenen Worte vor allem eines: Alltag.

Als freier Gerichtsreporter habe ich mich über die Jahre in dem einen oder anderen Land- oder Amtsgericht – und sogar zwei Verwaltungsgerichten – herumgetrieben. Nun, da ich nicht mehr selbstständig bin, ist mein Bewegungsradius etwas eingeschränkter. Dennoch ist es mir gelungen, ein seit langem gehegtes Ziel abzuhaken, für das ich ein bisschen reisen musste.

Schleswig-Holstein – meine Wahlheimat – hat vier Landgerichte (und ein Oberlandesgericht, aber das klammern wir jetzt mal aus). Und diese vier Landgerichte habe ich alle mindestens einmal besucht. Ich habe aus Prozessen in den Landgerichten Flensburg, Kiel, Itzehoe und jetzt auch Lübeck berichtet.

Meine daher hoch qualifizierte Meinung als ästhetisch denkender Mensch: Das Landgericht Flensburg ist mit Abstand das schönste. Es folgen in absteigender Reihenfolge: Kiel, Lübeck, Itzehoe. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber wer mir hier nicht zustimmt, hat keinen Sinn für Architektur.

Das nächste Ziel, das es jetzt zu verfolgen gilt, ist übrigens: Alle Amtsgerichte in Schleswig-Holstein besuchen – insgesamt 22 an der Zahl. Der aktuelle Stand: Sechs. Da ist also noch Luft nach oben. Jüngst konnte ich allerdings Ahrensburg abhaken!





Ode an mein Instrument

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Tag in der Musikschule. Damals fragte mich die Lehrerin, was mein Lieblingsmusikinstrument sei. Ich antwortete damals ganz intuitiv und ohne zu zögern, es sei das Klavier.
Heute, zwanzig Jahre später, gäbe ich auf diese Frage noch immer die selbe Antwort. Freilich habe ich auch andere Instrumente kennen und schätzen gelernt. Doch noch immer gilt meine musikalische Liebe dem Klavier. Ich habe in diesen zwanzig Jahren auch gelernt, auf dem Klavier zu spielen. Ich weiß, welche Töne ich auf welche Weise aus ihm herauskitzeln kann. Ich weiß, wie ich Melodien spiele und wie ich Gesang begleite. Und ich weiß, warum das Klavier mein liebstes Musikinstrument ist.
Kein anderes Instrument – ob mit Tasten, Saiten oder Löchern – hat ein dermaßen ausgeprägtes Eigenleben wie das Klavier. Kaum ein Instrument ist so überdauernd, so widerstandsfähig wie das Klavier. Und kein Klavier klingt wie das andere. Jedem wohnt sein eigener Geist inne, seine eigenen Erinnerungen an Zeiten, die sich teils lange vor der Geburt seiner Besitzer abspielten. Man hört sie dem Instrument an, diese Erfahrungen.
Jenes Klavier, das ich seit nunmehr zehn Jahren mein Eigen nenne, ist über einhundertzwanzig Jahre alt. Es hat Kriege und Krisen überdauert, stand zeitweise unbeachtet und unbespielt in dem Wohnzimmer einer unmusikalischen Familie. Heute erklingen seine alten, selten getauschten Saiten wieder fast täglich. Sie geben jeder Melodie ihren ureigenen Klang.
Wenn man ganz genau hinhört, so erkennt man in einer Melodie oft die Jahre der Missachtung oder auch die intrinsische Euphorie des Instruments, seinem Daseinszweck endlich wieder dienen zu dürfen. Demut und Standhaftigkeit erklingen aus meinem Klavier. Es knarzt, quietscht und brummt von innen heraus. Dass dies nicht jedem Lied oder jedem Genre zuträglich ist, versteht sich von selbst. 
Oft fluche ich deswegen auf den Klang dieses alten, staubigen Instruments.Dann aber – und dies gilt es zu erhalten – entsinne ich mich seiner Geschichte. Dann liebe ich mein Klavier wieder. Wie ich jedes Klavier liebe. Dann erinnere ich mich daran, warum das Klavier seit über zwanzig Jahren mein Lieblingsinstrument ist.

"Wachschlaf der Gerechten" oder: Der Schiebetermin

Eigentlich sind es Stunden, die man als Gerichtsreporter in den oft stickigen, trostlosen und nicht selten abgrundtief hässlichen Sälen zubringt. Heute jedoch ist ein sogenannter Schiebetermin angesetzt in dem bereits seit zehn Verhandlungstagen andauernden Prozess. Von einem Schiebetermin sprechen Jurist*innen, wenn sie einen Tag meinen, der für den Fort- und Ausgang des Verfahrens inhaltlich höchstens marginal relevant, prozessual jedoch von immenser bürokratischer Wichtigkeit ist.

Bannalec: Bretonische Nächte (2022) | Rezension

"Es war zu verrückt. Aber das musste nichts heißen. Für die Wirklichkeit war das kein Kriterium."

Verrückt ist es schon, wenn Commissaire George Dupin aus Concarneau plötzlich an der Nordküste des Finistère ermitteln muss, weil einer seiner Inspektoren niedergeschlagen wurde. Böse Zungen könnten es unrealistisch nennen. Aber wer will sich beschweren, wenn Jean-Luc Bannalec von der Côte des Abers schwärmt. Ich sicher nicht, ist die Gegend, in die es Dupin in Bretonische Nächte verschlägt doch ausgerechnet der Teil der Bretagne, in der ich bei meinen Besuchen im Finistère meinen Urlaub verbracht habe.


Ausgerechnet am Aber Wrac'h verstirbt die schwerreiche 89 Jahre alte Großtante von Inspektor Kadeg. Noch am selben Abend wird dieser auf dem Gelände der familieneigenen Abtei, die zu der irrwitzigen Erbmasse der Tante gehört, niedergeschlagen. Wenig später kommt es zum ersten Mord des Romans. Mehr sei inhaltlich nicht verraten. Der Plot entspinnt sich zwischen Äpfeln und seltenen Vögeln, zwischen felsiger Küste und historischen Gebäuden. Bannalec besticht auch hier wieder durch genaue Ortskenntnis, durch einprägsame Landschaftsbeschreibungen und kulinarische Exkurse.

Was in diesem, dem elften Teil der Reihe besonders auffällt ist jedoch, dass die früheren Fälle des Commissaires häufiger angesprochen werden. Auf diese Weise wird der harte Kern der Leserschaft stärker an die Charaktere gebunden, es klingt jedoch auch durch, dass Jörg Bong mittlerweile doch etwas ins Grübeln gerät, mit welchen neuen Fällen er Dupin noch betrauen kann. Dies macht sich leider auch in der Qualität der Handlung bemerkbar. Gegen Ende des Romans findet sich daher auch folgendes Zitat:

"Dupin hätte schon viel früher darauf kommen können."

Dies ist leider zu unterschreiben. Als gewiefter Krimi-Leser erkennt man die Hintergründe in Bretonische Nächte leider schneller als der Commissaire, wie ich aus Erfahrung sagen kann. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich bestimmte Details erst am Ende aufklären und einige sekundäre Handlungsstränge die Spannung aufrecht erhalten. Ganz zu schweigen von der rauen Atlantikküste und dem Charme des Aber Wrac'h.

Insgesamt spreche ich also trotz allem - wie nicht anders zu erwarten - eine klare Lese- bzw. Hörempfehlung aus. Das Hörbuch wird wieder von Christian Berkel gelesen, der eine wundervolle Nachfolge für Gerd Wameling darstellt. Berkels Französisch ist ebenfalls exzellent, wodurch das Hineinimaginieren in die Bretagne umso leichter fällt. Das über neun Stunden lange Hörbuch habe ich übrigens an zwei Tagen beendet. Soviel zum Dranbleibe-Faktor!

Ich trinke jetzt erst einmal ein bis vier petit cafés und wünsche mich an den Atlantik. In Kiel sind es 30 Grad.

Salut!

JMB

"Der Eindringling": Warum der neue Thriller von Jeffery Deaver brandaktuell ist

Ende 2023 ist endlich wieder ein neuer Thriller aus der Feder Jeffery Deavers erschienen - auch auf Deutsch. Ich habe mir das Hörbuch gekauf...