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"Ein ungewöhnlicher Held" | Gil Ribeiro: Lost in Fuseta | Rezension

IN EIGENER SACHE: KrimiKammer wächst! Dies ist der erste Beitrag unserer neuen Redakteurin. Dr. Kathrin Bonacker ist Kulturwissenschaftlerin, Archivarin und Autorin. Ich persönlich freue mich sehr, sie im Team zu haben - nicht zuletzt (und das sei im Sinne der Transparenz verraten) weil sie meine Mutter ist. Doch auch abgesehen von dem schamlosen Nepotismus dieser kleinen Redaktion: Wir haben eine hervorragende Autorin mehr. Ab sofort werden Beiträge von Kathrin Bonacker mit dem Kürzel kb unterzeichnet, meine Beiträge dagegen weiterhin mit jmb. Salut!
Jan Melchior Bonacker


Band 1 hatte ich schon lange geschenkt bekommen. Reingeguckt und zunächst wieder weggelegt. Es ging damals nicht gleich an mich, und ich hatte bei der Beschreibung der Hauptfigur offenbar nicht genau zugehört. Dann stand eine Reise nach Portugal an und ich dachte: wenn, dann jetzt. Nach den ersten paar Seiten hatte ich schon mehrfach gekichert und begann die Protagonistinnen und Protagonisten ins Herz zu schließen. Am Ende meiner Kurzreise war das Buch gelesen, und ich beschloss noch im Zug am nächsten Tag Band 2 in der Buchhandlung meines Vertrauens zu besorgen. So ging das nahtlos durch bis zum bisher letzten sechsten Band.

Die Fuseta-Krimis.
Vielleicht zunächst zur erwähnten Hauptfigur. Leander Lost, Beamter der Hamburger Kripo, wird in einem europäischen Austauschprogramm nach Fuseta versetzt – für ein Jahr sollen sich die Ermittelnden da und dort mit den Methoden der Kolleginnen und Kollegen vertraut machen. Herr Lost, seltsam bekleidet und von ebenso seltsamem Benehmen, stößt die portugiesische Belegschaft während der gemeinsamen Ermittlungen komplett vor den Kopf. Er ist pedantisch, genau und ehrlich bis zur Brutalität. Warum das so ist, und wieso er schließlich doch als einer der ihren liebevoll aufgenommen wird, ist mindestens ebenso spannend wie die bisherigen sechs Kriminalfälle. Die polizeilichen Vorgehensweisen und Zugeständnisse an die örtlichen, nicht immer optimalen Gegebenheiten werden dabei sehr dicht geschildert, die Personen gewinnen Konturen und vor allem deren Umgang miteinander entwickelt sich.

Ehrlich, wegen der Fälle, die zwar interessant und sehr unterschiedlich sind, hätte ich die Serie nicht unbedingt gelesen, thematisch bevorzuge ich eher historische Krimis. Es gibt in und um Ribeiros Fuseta alle
möglichen Tatort-Elemente (also fiese Großindustrielle, Drogenmafia, Schießereien und sogar eine Autobombe, Verfolgungsjagden und Ermittlungen zu Land und zu Wasser, motorisiert und zu Fuß), aber vor allem Teamarbeit, Umgang mit Zickereien und Eitelkeiten, Familiäres und sogar die eine oder andere Lovestory. Und besonders dieses oft mit Witz erzählte Menscheln und auch die - vielleicht manchmal etwas pathetische – Schilderung der Algarve, ihrer Lebensart und Küche haben mich komplett in den Bann gezogen. Der kleine (real existierende) Ort Fuseta liegt etwa 300 Kilometer südlich von Lissabon an Portugals malerischer Südküste, und nach der Lektüre ist das Gefühl dazu ein bisschen einwohnerisch.

P.S.: Es gibt auch eine Verfilmung (bisher erschien der erste Band in zwei Teilen), die ist gar nicht schlecht gemacht. Denn – und das ist meines Erachtens immer das A und O – die Besetzung ist stimmig. Trotzdem: einfach erst mal lesen und dann mit mir auf den siebten Band warten.
kb

Bannalec: Bretonischer Ruhm (2023) | Rezension

"Dupin war unzufrieden. Er hatte in diesem Fall noch immer keinen Boden unter den Füßen. Er stocherte blind umher."

Ein wilder Fall, der sich uns Bretagne-Krimi-Fans da diesmal präsentiert. Commissaire Dupins Zwölfter ist eine besondere Eskapade. Das Setting: Dupin und Claire sind in den Flitterwochen am Lac de Grand-Lieu – also in der Loire-Region – unterwegs. 

Ist das überhaupt noch die Bretagne? Diese Frage stellt sich gleich zu Beginn und wird natürlich mit "ja" beantwortet. Kein Wunder: Mittlerweile würden treue Leser es Bannalec, bzw. Jörg Bong, auch abkaufen, wenn er ihnen erklären würde, dass Dupin demnächst in Bielefeld ermittelt. "Bielefeld ist schließlich legendenumsponnen – und das ist urbretonisch", würde dann wohl Inspektor Riwal sagen. Oder so.

Lange Rede, gar kein Sinn: Die Handlung spielt mal wieder fern ab von Concarneau. Und was uns da an Handlung aufgetischt wird, ist wirklich eine abenteuerliche Geschichte. Der Ex-Lebensgefährte einer Freundin von Claire wird ermordet und Dupin ermittelt im Wettstreit mit dem Kollegen aus Nantes undercover. Abenteuerlich.

Und vollkommen unglaubwürdig. Aber irgendwie schafft es Jörg Bong dann doch wieder, diesen ganz besonderen Spannungsbogen aus dem Nichts zu zaubern. Die Bannalec-eigenen Charaktere, die unfassbar dicht gezeichneten Szenen, die Atmosphäre – Bong hat mit Bretonischer Ruhm eigentlich eine überlange, fiktionale Reportage geschrieben. 

Der journalistische Background des Autors zeigt sich auch in den kulinarisch-kritischen Eskapaden – und dem erstaunlich gut aufgearbeiteten Kernthema des Romans: dem Loire-Wein, insbesondere dem Muscadet. Mich jedenfalls hat der Wein als Objekt des Interesses angefixt. Und auch für den in diesem Teil durchgängig leicht angesäuselten Ermittler gilt: in vino veritas. Mehr sei nicht verraten.

Für mich ist Bretonischer Ruhm trotz der unglaubwürdigen Fallkonstruktion ein wirklich gelungener Roman – weniger ein Krimi. Leseempfehlung, bzw. besonders Hörempfehlung gilt wie immer.

Salut!

JMB

Das Quartett ist komplett

"Wir sehen uns vor Gericht", ist für die wenigsten Menschen ein erfreulicher Satz. Für mich jedoch bedeuten diese oft so unheilschwanger gesprochenen Worte vor allem eines: Alltag.

Als freier Gerichtsreporter habe ich mich über die Jahre in dem einen oder anderen Land- oder Amtsgericht – und sogar zwei Verwaltungsgerichten – herumgetrieben. Nun, da ich nicht mehr selbstständig bin, ist mein Bewegungsradius etwas eingeschränkter. Dennoch ist es mir gelungen, ein seit langem gehegtes Ziel abzuhaken, für das ich ein bisschen reisen musste.

Schleswig-Holstein – meine Wahlheimat – hat vier Landgerichte (und ein Oberlandesgericht, aber das klammern wir jetzt mal aus). Und diese vier Landgerichte habe ich alle mindestens einmal besucht. Ich habe aus Prozessen in den Landgerichten Flensburg, Kiel, Itzehoe und jetzt auch Lübeck berichtet.

Meine daher hoch qualifizierte Meinung als ästhetisch denkender Mensch: Das Landgericht Flensburg ist mit Abstand das schönste. Es folgen in absteigender Reihenfolge: Kiel, Lübeck, Itzehoe. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber wer mir hier nicht zustimmt, hat keinen Sinn für Architektur.

Das nächste Ziel, das es jetzt zu verfolgen gilt, ist übrigens: Alle Amtsgerichte in Schleswig-Holstein besuchen – insgesamt 22 an der Zahl. Der aktuelle Stand: Sechs. Da ist also noch Luft nach oben. Jüngst konnte ich allerdings Ahrensburg abhaken!





"Der Eindringling": Warum der neue Thriller von Jeffery Deaver brandaktuell ist

Ende 2023 ist endlich wieder ein neuer Thriller aus der Feder Jeffery Deavers erschienen - auch auf Deutsch. Ich habe mir das Hörbuch gekauf...