"Achtzehn Namen, drei Familien. Andersson, Andrén und Magnusson."
In einem kleinen schwedischen Dorf werden achtzehn Leichen gefunden. Man schreibt das Jahr 2006 und ist zunächst ratlos, warum bis auf drei Personen die gesamte Einwohnerschaft der winzigen Siedlung getötet wurden - scheinbar grundlos.
Während die Polizei im Dunkeln tappt, tritt die Protagonistin aus dem Schatten: Amtsrichterin Birgitta Roslin ermittelt - nicht berufsbedingt, sondern in eigener Sache. Wie sie herausfindet, sind unter den Opfern des Massenmords die Pflegeeltern ihrer Mutter. Ihr Einstieg in die Familiengeschichte entführt Henning Mankells Leserschaft in den "Wilden Westen" zum Bau einer Eisenbahnlinie. Eine Geschichte um Rassismus, Sadismus, Rache und endlosen Hass beginnt dort, wo im 19. Jahrhundert Immigranten aus aller Welt aufeinandertreffen.
Henning Mankell gelingt dabei, woran schon so manch großer Western-Autor gescheitert ist: Eine zeitgemäße Retrospektive auf die Ereignisse. Ungeschönt schildert er aus der Perspektive des schwedischen Vorarbeiters die Schwierigkeiten, die "faulen Chinesen", sowie die eigentlich noch problematischeren Afroamerikaner und Iren im Zaum zu halten. Kommentiert und in ihrer Bedeutung eingeordnet werden die Tagebucheinträge des Vorarbeiters von Birgitta Roslin.Besonders die chinesischen Arbeiter gewinnen im Verlauf der Handlung an Bedeutung. Spiegelbildlich zu den Tagebüchern des Schweden erzählt Mankell die Memoiren eines chinesischen Bauernjungen, der mit seinen Brüdern nach Amerika verschleppt wird, um dort am Bau der Eisenbahn mitzuwirken. Die grausamen Erlebnisse des jungen Wang San laden zur Empathie ein, die der Rezipientenschaft den Hass Sans auf den sadistischen schwedischen Aufseher begreiflich macht.
Die Auflösung der Wirren um Vergangenheit und Gegenwart führt Birgitta Roslin schließlich persönlich nach China. Spätestens hier wird die verquere Symmetrie der beiden Handlungen sichtbar. China wird von Mankell dem "Westen" als Spiegel vorgehalten. Dabei bezieht sich der Autor immer wieder auf Ereignisse der chinesischen Geschichte, zeichnet dabei gleichzeitig jedoch ein Bild des modernen China, das ohne weiteres glaubwürdig ist. Vielleicht nicht vorurteils-, zumindest aber wertfrei beschreibt Mankell die Schattenseite Chinas und entführt dabei Protagonistin und Leserschaft gleichermaßen in eine Welt voller Geheimnisse.
Der Chinese will nicht politisch sein, aber ist es doch - und ist es gut. Mankell schreibt über historische ethnische Konflikte und deren Folgen in der Gegenwart. Kollektive und individuelle Traumata und deren Konsequenzen. Vor allem schreibt Mankell jedoch über Rache. Über Rache an Unschuldigen, deren einziges Verbrechen darin besteht, entfernt mit dem Ziel der Rache verwandt zu sein. Mankell beschreibt blinde Wut, die über Generationen nicht verschwindet und bettet diese schließlich in den schwedischen Schnee.
Mit einer beeindruckenden Protagonistin, glaubwürdigen Nebencharakteren und verwobenen Handlungssträngen, hat Henning Mankell einen Schleier gewoben, unter dem sich zunächst die wahre Natur des packenden Kriminalromans verbirgt. Was zunächst nach einem klassischen Detektivroman aussieht, nimmt immer mehr Züge eines Thrillers an und driftet zuweilen in Richtung klassischer Wild-West-Abenteuerromane, ohne dabei je an Spannung oder Glaubwürdigkeit einzubüßen.
Letztendlich kann ich ohne zu Zögern sagen, dass Der Chinese zu den besten Krimis gehört, die mir je untergekommen sind. In der Hörbuchfassung auf Audible leiht auch noch kein geringerer als Axel Milberg der Story seine Stimme. Ein perfektes Hörerlebnis.
Nach diesem Einstieg bin ich gespannt auf weitere Werke von Henning Mankell, der mir zuvor noch unbekannt war. Bis dahin widme ich mich jedoch dem neuesten Band der Bretagne-Krimis!
Als dann. Frohe Weihnachten und kommt gut ins neue Jahr!
JMB
