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Holt: Marter (2014) | Kommentar

"Ein würdiger Nachfolger für Stieg Larssons Millenium-Trilogie." 
Zu dieser Bewertung des Romans durch Il Piccolo würde ich ja etwas sagen - wenn ich denn jemals etwas von Stieg Larsson gelesen hätte. Ausgehend von diesem "würdigen Nachfolger" jedoch, ist mir dies als durchaus ernstzunehmendes literarisches Versäumnis anzukreiden. Jonathan Holt hat es mit Marter geschafft, mich in seinen Bann zu ziehen. Dabei musste ich mich zunächst überwinden, dem Roman überhaupt eine Chance zu geben: Die Übersetzung aus der Feder von Bettina Spangler weist eine Menge Ungereimtheiten und unsaubere Formulierungen auf, die auch ohne das englischsprachige Original zum Vergleich ins Auge stechen.
Überzeugt, den Thriller nicht entnervt beiseite zu legen, hat mich dann jedoch schlicht und ergreifend der Plot. 
Die im winterlichen Venedig spielende Handlung beginnt mit einer Toten im Priestergewand, angespült auf den Stufen einer Kirche. Ein Frevel in den Augen der Kurie - und der Beginn eines stetig an Spannung gewinnenden Thrillers. Bis auf die letzten der 509 Seiten baut sich der Roman stetig weiter auf, zieht den Leser immer mehr in den Bann und entwickelt sich zunehmend zu einem herrlich übertriebenen international relevanten Spionagethriller. Brutal, aber dennoch feinfühlig führt Jonathan Holt den Leser zurück in den (Achtung, nicht spoilerfrei) Jugoslawienkrieg. Politische Brisanz, historische Genauigkeit und eine dennoch fast glaubhafte Handlung. Dan Brown (hier kenne ich nur die Filme - was habe ich nicht alles nachzuholen) hätte es nicht besser machen können.
Allerdings ist Marter bei weitem kein perfekter Roman, auch wenn das Potential hierzu definitv nicht zu leugnen ist. Mich stört beispielsweise der Name einer der Protagonistinnen: Capitano Katerina Tapo. Ja, die Frau ist Italienerin, das hört man - aber muss es gleich ein Zungenbrecher sein? Gut, letztlih ist das Geschmackssache. Ebenso wie die meiner Meinung nach penetrante Nennung der weiblichen Figuren bei ihren Vornamen. Colonello Aldo Piola, der zunächst schrullig sympathisch erscheinende Vorgesetzte von Kat Tapo, tritt als Piola auf und bleibt für den Leser auch Piola. Ob das nun latenter Sexismus oder bloß ein eigenwilliges Stilmittel ist, bleibt unklar. Allerdings findet sich das Thema Sexismus in Behörden durchaus im Roman. Von daher verwerfe ich persönlich meinen Anfangsverdacht gegen Holt.
Ich kann euch nur ans Herz legen, euch selbst ein Bild von der Carnivia-Trilogie zu machen, zu der Marter den Auftakt darstellt. Ich jedenfalls freue mich schon auf mehr venezianische Action. Als nächster Titel steht für mich jedoch mal wieder ein Deaver auf dem Plan. Der Totbringer ist bereits auf Audible heruntergeladen.
Auf bald!
Melchior

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