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Dürrenmatt: Justiz (1985) | Kommentar

"Die Wahrheit wird kein Mensch abnehmen [...] kein Richter, kein Geschworener, nicht einmal Jämmerlin. Sie spielt sich in Etagen ab, die für die Justiz unerreichbar sind." - Stüssi-Leupin.
Ein Junganwalt verzweifelt an seinem Gerechtigkeitssinn und sieht seine Ideale mit jedem Glas aus Verzweiflung getrunkenen Whiskys davon schwimmen. Das obige Zitat - als Kernaussage des Werks vielmals und meistens falsch wiedergegeben - bildet den Ursprung des inneren Konflikts, den Protagonist Felix Spät durchlebt, recht akkurat ab. Sein ehemaliger Mentor und Chef, der Rechtsanwalt Stüssi-Leupin, gibt ihm die Worte mit auf seinen bereits im Taumelschritt des Untergangs befindlichen Weg.
Dabei ist die Ausgangslage des Romans aus der Feder Friedrich Dürrenmatts eigentlich ganz einfach: Ein Professor wird in einem gut gefüllten Café erschossen - es gibt haufenweise Augenzeugen. Der Mörder ist wohl bekannt, identifiziert, wird verurteilt. Durch geschickte Manöver des inhaftierten Täters werden jedoch Zweifel gesät - das Chaos nimmt seinen Lauf. Auf mehr werde ich hier nicht eingehen, da ich euch den Lesespaß und die Spannung nicht verderben will. Beides bietet Dürrenmatt in Justiz en masse. Sein Schreibstil erinnert an Brecht: Humoristisch, wortgewandt, dennoch prägnant und vor allem einnehmend. Die Identifikation mit dem Ich-Erzähler Spät fällt nicht nur leicht, sie wird einem von Dürrenmatt geradezu aufgezwungen. Dadurch, dass die Ordnung des Romans stets den wirren und meist alkoholisierten Gedanken des lyrischen Ichs entsprechend sprunghaft ist - gefüllt mit Pro- und Analepsen, sowie Wechseln in der Narrationszeit -, beginnt auch der Leser den Gang der Ereignisse fundamental in Frage zu stellen.
Gerechtigkeit und Wirklichkeit sind die zentralen Begriffe dieses untypischen Kriminalromans. Der Protagonist beginnt mit der Zeit an beiden zu zweifeln und zu verzweifeln.
Mich persönlich hat Justiz auf einer langen Zugfahrt zum nachdenken angeregt - wofür mir wegen des unwillkürlichen Verlangens weiterzulesen jedoch nicht viel Zeit blieb. In den in den kommenden Wochen vermehrt vorkommenden Stunden im ICE werde ich wohl noch den einen oder anderen Dürrenmattschen Roman verschlingen. Sein Schreibstil fasziniert mich, wie mich der Brechts oder Conan Doyles fasziniert. Er bringt des einen Sprachwitz und des anderen kriminalistischen Verstand zusammen - eine vortreffliche Mischung! Zudem versteht sich Dürrenmatt brillant darauf, vermeintlich Brisantes, woraus heutzutage bisweilen ganze Blockbuster gebastelt werden, in Nebensätzen (oder gar in Klammern) zu berichten. Hingegen schildert er eigentlich belanglose, teils historische Trivialitäten, Familiengeschichten diverser Charaktere, etc. in ausufernder Genauigkeit, ohne dabei an skurrilen Details zu sparen.
Wie ihr dem obigen kurzen Exkurs in die Erzähltheorie bereits entnommen haben werdet, kommt man vor allem als Germanist auf seine Kosten. Als Fan des gepflegten Kriminalromans darf man jedoch Dürrenmatt ebensowenig vergessen. Lasst euch von dem Umstand nicht irreführen, dass Dürrenmatt in der Schule gelesen wird!
Absolute Leseempfehlung insgesamt.
Auf bald!
Melchior

Carter: Der Totschläger (2014) | Kritik/Kommentar

Rasant, mit perfektem Spannungsaufbau - ohne dass dieser je abreißt oder ein zwischenzeitliches Tief hat, bevor er auf den letzten Metern seinen Höhepunkt erreicht. Mit diesem Erfolgsrezept schreibt Chris Carter seine Thriller. Der Totschläger (der Titel hat wie immer nichts mit dem Inhalt zu tun) ist ein perfektes Beispiel für das Cartersche Strickmuster.

Ein Mann ruft den Protagonisten, Detective Robert Hunter vom LAPD, persönlich an und lässt ihn entscheiden, auf welche Weise sein Opfer stirbt. In der Folge entwickelt sich mit höchster Geschwindigkeit eine Jagd nach einem Killer, der keine Skrupel kennt und an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist. Dazu kommt das moderne Setting: die Morde werden live im Internet übertragen. Dabei wartet Carter mit fundiertem Wissen über die Online-Community und die technischen Möglichkeiten im Worldwide Web auf. Dieses gibt er gut verständlich an seine Leser weiter - ohne dass die Handlung darunter leidet. Hunter, dessen Catchphrase "Ich lese viel" ihn zu einem Experten auf jedem beliebigen Gebiet werden lässt, erklärt bei Bedarf seinem nicht ganz so brillanten Partner die Zusammenhänge. Reicht das ausgedehnte Laienwissens Hunters nicht aus, springt in diesem Fall eine Cyberexpertin des FBI in die Bresche. 
Leider kommt dieser neue Charakter im Laufe des Romans etwas zu kurz. Insgesamt fehlt dem fünften Teil der Hunter-Garcia-Reihe ein wenig der Tiefgang. Aber: es sind Thriller. Klassische brutale Thriller. Tiefgang hat in diesem Genre im Idealfall - und so auch bei Chris Carter - vor allem die Mordwaffe.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Totschläger ist ein unterhaltsamer Thriller, gute Literatur für zwischendurch. Perfekt geeignet für den Sommerurlaub, vor allem wenn man erstmal genug von 'hoher Literatur' hat.
So ging es mir zumindest damit. Macht doch einfach Eure eigenen Erfahrungen und kommentiert Eure Meinung zu Der Totschläger gerne unter diesen Beitrag! 
Melchior

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