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Trost: Granat für Greetsiel (2014) | Kommentar

Ich liebe Ostfriesland. Das ist weder ein Geheimnis, noch zu ändern. Was ich aber ganz und gar nicht liebe, sind schlecht geschriebene Bücher. Dazu zählen 95% aller Pferderomane, sämtliche Werke Theodor Fontanes¹, sowie, wie ich seit einigen Tagen stark vermute, die "Ostfriesen-Krimis".
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich musste das Hörbuch von Granat für Greetsiel tatsächlich vorläufig abbrechen. Die Gründe hierfür werde ich nun kurz auflisten. Ihr könnt danach selbst beurteilen, ob meine Entscheidung gerechtfertigt war.

Erstens: Der Roman ist aus der Perspektive des Ermittlers verfasst. Zunächst hielt ich diese Variante der kriminalistischen Erzählperspektive für abwechslungsreich und erfrischend. Allerdings genügt ein Kapitel von Granat für Greetsiel in Verbindung mit einer Google-Suche, um festzustellen, dass sich der Autor in der Figur seines Ich-Erzählers und verschrobenen Ermittlers nicht allzu subtil selbst verewigt hat. Ein stilistisches No-Go.

Zweitens möchte ich - das mag persönliche Präferenz sein - nicht alle drei Minuten durch den ermittelnden Mittfünfziger erzählt bekommen, dass eine Frau (übrigens jede Frau) lange Beine oder einen üppigen Busen habe und/oder in sonst irgendeiner Weise "außerordentlich attraktiv" sei. Es ist weder angebracht, noch handlungstragend, sexistische Kommentare über die Vorzimmerdame der Staatsanwältin, die Staatsanwältin persönlich, die persönliche Assistentin eines Firmenchefs - oder gar die eigene Tochter abzugeben. Mögen diese noch so sehr in der "unausgesprochenen" Innenperspektive verbleiben.

Drittens: Wo wir gerade bei der Tochter sind: Diese tritt in einer vollkommen hanebüchenden Nebenstory auf. Jan de Vries (über die Namenswahl des Ermittlers in einem Friesenikrimi brauchen wir nicht zu reden) weiß zunächst nur - und das bleibt dem Leser zunächst ebenfalls verborgen -, dass er eine Tochter hat. Das erste Treffen zwischen seiner 29-Jährigen Nachkömmin und ihm findet statt, als sie sich darüber aufregt, dass er ihren Käfer anfasst. Wohlgemerkt ist sie zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Suche nach ihm. Sie weiß eine Menge über ihn, beschimpft ihn aber dennoch auf das Übelste. Dabei dürfte sie (nach einer Online Recherche) sein Foto gesehen haben. Dass beide einen Käfer fahren, ist nur eine unnötige Randnotiz in der Geschichte einer unendlich unglaubwürdigen Familienzusammenführung. Nach ihrem zweiten Treffen nennt die Tochter den bis dato unbekannten Erzeuger bereits "Paps", schläft in seinem Haus, küsst ihn auf die Wange und löst mit ihm Kriminalfälle. Realismus geht anders. Lesen Sie Fontane, Herr Trost!

Viertens: Eben angesprochen - die Internetrecherche. Offenbar ist Dirk Trost noch nicht häufig mit dem Internet in Berührung gekommen. So dachte ich zumindest apologetisch über ihn, bis ich auf seine sehr professionelle Website stieß. Wie es dann allerdings zu erklären ist, dass das Internet für Jan de Vries eine Quelle unendlicher personenbezogener Informationen ist, auf die eine im Rollstuhl sitzende Ärztin ohne Probleme zugreifen kann, bleibt mir ein Rätsel. Diese Ärztin ist die Tochter des besten Freundes des Ermittlers und nach Angaben de Vries' äußerst versiert im Umgang mit dem "Social Web". Zu ihrem Milieu gehören Facebook, MySpace oder Job-Suchportale wie "LinkedIn oder StudiVZ". Das bleibt jetzt bitte einfach so stehen. Bei ihren Recherchen ist es ihr ein leichtes, den Lebenslauf inklusive sämtlicher Misserfolge einer namentlich nicht bekannten Person zu rekonstruieren und "in einem Word-Dokument zusammenzustellen". Zwar wird die besondere Fähigkeit "Querverbindungen zu sehen, die niemand sonst herstellen kann" durchaus erwähnt, jedoch ist nunmal nicht jeder internetaffine Mensch im Besitz einer professionellen Gesichtserkennungssoftware. Erst Recht nicht, wenn diese für die Recherche eines eigentlich nicht mehr praktizierenden befreundeten Anwaltsgebraucht wird. Regelmäßig. 

Fünftens: Die Glaubwürdigkeit der Handlung und der Personen stellen die Banalität des Falles derart in den Schatten, dass ich mir eher einen Roman über die Entstehung dieses Buches zu Gemüte führen würde. Eine ertrunkene Tote in der Nordsee (die zufälligerweise durch den späteren Ermittler entdeckt wird) ist nach Auffassung der Schwester nicht eines natürlichen Todes gestorben. Nach Ansicht der - klassisch stereotyp-ostfriesisch völlig verblödeten - Polizei allerdings schon. Auftritt Privatdetektiv, bzw. Rechtsanwalt im Ruhestand. Dieser versucht im Interesse der Schwester ("wahnsinnig attraktiv" - siehe zweitens), die Polizei zum Weiterermitteln zu nötigen. Als dies geschafft ist, entzieht die Schwester ihm das Mandat. Er ermittelt weiter. Soweit bin ich bisher - und es reizt mich kaum, das Ende der Geschichte zu erfahren. Im Kontext des bisherigen Realismusfaktors könnte auch ein blauer Elefant der Mörder der Frau sein. Es würde mich nicht mehr wundern.

Sechstens: Grammatikfehler. Unmengen an Grammatikfehlern. Das Wort Kongruenz scheint für den ehemaligen Journalisten Dirk Trost (Freelancer für diverse Zeitungen) nicht nur in Bezug auf seine lateinische Herkunft ein Fremdwort zu sein. Z.B.: "Der Grund (...) sind." (Zitatstelle auf Grund von Hörbuch unbekannt. Häuft sich aber dermaßen, dass es für den geneigten Leser/die geneigte Leserin durchaus zu finden sein wird.)

Siebtens: Wenn selbst Jürgen Holdorf ein Hörbuch nur partiell zu retten vermag, ist es einfach kein gutes Buch. Die raue, warme Stimme Holdorfs des Sprechers kennt man beispielsweise als Jiraiya aus dem Anime Naruto oder als Doc aus dem Adventure-Game Deponia. Holdorf gehört definitiv zu meinen Lieblingssprechern und könnte mir vermutlich alles erzählen. Dass ich nun also ein von ihm gesprochenes Hörbuch ad acta lege, will durchaus etwas heißen.

Diese sieben Gründe sprechen für sich. Ich beende diese Liste an dieser Stelle, auch wenn ich eigentlich noch nicht am Ende wäre. Allerdings denke ich, dass die Spannung für Euch ein wenig verloren geht. Ich erkenne Parallelen.
Eventuell werde ich das Hörbuch auf der in einer Woche anstehenden längeren Busfahrt aus Langeweile beenden. Wenn dem so sein sollte, werde ich selbstverständlich abschließend erneut berichten.
Bis dahin: Lasst Euch Ostfriesland nicht kaputt schreiben!
Melchior


¹Wobei man hier argumentieren könnte, dass sie immerhin wegweisend gewesen seien. Die Frage ist schlicht: Lobt man einen falschherum aufgestellten Wegweiser dafür, dass er wenigstens in eine Richtung zeigt, wenn schon nicht in die richtige?

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