Dupin würde nicht viel Zeit haben. Er musste sich beeilen. Vielleicht war es sogar schon zu spät.Commissaire George Dupin macht Ferien - das klingt so banal. Ist es aber nicht. Nicht in den Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec. Der verschrobene Kommissar ist, wie man aus den vorherigen fünf Bänden der Reihe weiß, ein Arbeitstier und daher wenig erfreut, von seiner Assistentin, seiner Freundin und seinem Arzt in einer Art Komplott Zwangsurlaub verordnet zu bekommen, in dem er nicht einmal einen Fall aufklären darf. Doch der sture Wahl-Bretone hält sich, wie uns schon der Untertitel "Kommissar Dupins sechster Fall" verrät, nicht an die Abmachung mit seinen Vertrauten. Der Roman entwickelt sich scheinbar zu einem klassischen Urlaubskrimi, bei dem in einem idyllischen Ferienort plötzlich ein Verbrechen begangen wird und der zufällig anwesende Ermittler in Badeshorts und Hawaiihemd die Verfolgung aufnimmt. Doch der Eindruck täuscht insofern, als sich Dupin von vornherein nicht wirklich im Urlaub befindet. Erholung liegt ihm fern, weshalb er mehr oder weniger aktiv nach Anzeichen für Verbrechen in der nördlichen Bretagne, in die es den Urlaubenden mit seiner Freundin, die im Verlauf dieses Bandes regelmäßig als seine Frau bezeichnet wird, verschlagen hat. Zwischen den rosa Granitblöcken in und um Trégastel spielen sich jedoch unerwartet gleich mehrere Verbrechen ab. Dupin ermittelt heimlich - hängen der Steinwurf auf eine Abgeordnete des Lokalparlaments, das Verschwinden einer Touristin aus seinem Hotel, das Verschwinden einer vermeintlich wertlosen Statue aus einer kleinen Kapelle und der Tod einer jungen Frau in einem nahen Steinbruch womöglich zusammen?
- Urlaubsstimmung in Bretonisches Leuchten (exemplarisch).
Soviel zum Inhalt. Strukturell handelt es sich bei Bretonisches Leuchten um einen Kriminalroman, der auf den ersten Blick dem Genre des Thrillers zuzuordnen ist. Wer sich jedoch länger damit auseinandersetzt, wird im Nachhinein feststellen, dass diese Einordnung möglicherweise nicht ganz so eindeutig zu treffen ist, wie es zunächst scheint. Zwar ermittelt Dupin simultan zu den Ereignissen an Ort und Stelle mit (wenn auch unter erschwerten Bedingungen), doch - und hier sei von erheblichen Spoilern abgesehen - der sechste Bretagne-Krimi hält einige Überraschungen parat. Dupins Auftreten jedenfalls hat in diesem Fall wesentlich mehr von Hercule Poirot, als unter den üblichen Umständen in Concarneau.Nun zur Kritik: Jörg Bong, alias Jean-Luc Bannalec, schafft es im sechsten Krimi seiner Dupin-Reihe auf bewundernswerte Weise, den Ortswechsel Dupins zu realisieren, ohne dass dieser unrealistisch oder erzwungen wird. Gerade durch die widerwillige Haltung Dupins weckt Bong Erinnerungen an dessen unfreiwillige Versetzung ins Finistère, das ganz zu Beginn der bretonischen Krimis deren Reiz ausmachte. Die Kulisse zieht auch in Bretonisches Leuchten den Leser wieder in den Bann und fordert in Form von Fernweh und Reiselust ihren Tribut. Ein angemessener Preis für einen der besten Urlaubskrimis, die mir je untergekommen sind. Die unkonventionelle Ermittlungsarbeit, die heimlichen Kooperationen mit Ortsansässigen und Freunden Dupins geben dem ganzen Roman einen spionageartigen Touch, der in einem außergewöhnlichen Gegensatz zu der tiefenentspannten Atmosphäre des idyllischen Örtchens am Ärmelkanal steht. Das weitgehende Fehlen der sonst so dominanten Figuren Kadecs und Riwals fällt kaum auf.
Châpeau, Monsieur Bannalec!
Absolute Leseempfehlung meinerseits - am besten, ihr hört euch den Krimi aber an. Wie immer gelesen von Gerd Wameling, befindet sich das Hörbuch ungekürzt auf Spotify.
Liebe Grüße an Euch!
Melchior
P.S.: Hausarbeit ist fertig und eingereicht - nun habe ich wieder Zeit genug, um Hörbücher in rauen Mengen zu konsumieren. Eventuell rezensiere ich aber auch mal einen Film, eine Serie - oder ganz klassisch ein Buch, dessen Hörfassung ich dem papiernen Original nicht vorgezogen habe.